Der Kaiserschnitt gehört zu den häufigsten Operationen in Deutschland. Gleichzeitig wird das Risiko postoperativer Wundinfektionen häufig als gering eingeschätzt. Diese Einschätzung basiert jedoch vor allem auf stationären Routinedaten – und genau hier beginnt das zentrale Problem.
Wie häufig sind Wundinfektionen wirklich?
Aktuelle Daten aus dem Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System zeigen eine dokumentierte Rate postoperativer Wundinfektionen nach Kaiserschnitt von etwa 0,5–1 % [1].
Diese Zahl ist jedoch nur eingeschränkt belastbar. Der entscheidende Grund: Viele Infektionen treten erst nach Entlassung auf und werden nicht systematisch erfasst. Studien mit aktiver Nachverfolgung berichten daher deutlich höhere Raten von 2–3 % [2].
Erfahrungen aus Großbritannien zeigen zudem eine noch breitere Streuung der gemeldeten Raten (ca. 3–18 %), abhängig von Definition, Surveillance-Intensität und Versorgungsstruktur [5].
Damit wird klar: Die SSI-Rate nach Sectio ist weniger eine feste Größe als vielmehr ein Abbild der Erfassungsqualität.
Warum gerade nach Sectio?
Die erhöhte Vulnerabilität nach Kaiserschnitt ergibt sich aus einer Kombination anatomischer, mikrobiologischer und operativer Faktoren.
Zunächst spielen patientenbezogene Faktoren eine zentrale Rolle, da bestimmte Grunderkrankungen oder Konstitutionen das Risiko deutlich erhöhen können:
- Adipositas (stärkster Einzelrisikofaktor)
- Diabetes mellitus, einschließlich Gestationsdiabetes
- Anämie mit verminderter Gewebeoxygenierung
- Rauchen mit verzögerter Wundheilung
Im nächsten Schritt sind geburtsassoziierte Faktoren entscheidend, die das Infektionsrisiko zusätzlich steigern können:
- Langer Blasensprung (> 12–18 Stunden)
- Verlängerte Geburtsdauer vor Sectio
- Chorioamnionitis als präexistente Infektion
Und schließlich beeinflussen auch operative Parameter das Risiko erheblich, insbesondere wenn mehrere Belastungsfaktoren zusammenkommen:
- Verlängerte Operationsdauer
- Erhöhter Blutverlust oder Hämatombildung
- Verzögerte oder unzureichende Antibiotikaprophylaxe
Prävention: Was wirklich wirkt – und was in der Praxis oft verloren geht
Die Prävention postoperativer Wundinfektionen ist grundsätzlich gut untersucht. Die Herausforderung liegt weniger im Wissen als in der konsequenten Umsetzung entlang des gesamten Versorgungspfads.
1. Antibiotikaprophylaxe – der wichtigste Einzelhebel
Die perioperative Antibiotikagabe vor Hautschnitt bleibt die effektivste Einzelmaßnahme.
- Reduktion der Infektionsrate um bis zu 70 % [3]
In der Praxis zeigt sich jedoch ein relevantes Problem: Antibiotika werden bei Wundauffälligkeiten postoperativ häufig reflexartig eingesetzt, ohne klare Differenzierung zwischen Infektion, Serom oder irritativer Reaktion [5].
Das führt potenziell zu Übertherapie und erschwert eine rationale Antibiotikastrategie.
2. Hautantiseptik: oft unterschätzt, aber relevant
Die Wahl des Antiseptikums hat direkten Einfluss auf die Keimreduktion im Operationsfeld.
- Alkoholbasierte Präparate (z. B. mit Chlorhexidin)
→ zeigen eine höhere Wirksamkeit als reine Jodlösungen [3]
3. Adipositas als operativer Risikotreiber
Bei erhöhter subkutaner Fettgewebsdicke ist die Wundheilung technisch und biologisch kompromittiert.
- Subkutane Naht bei > 2–3 cm Fettgewebe
→ reduziert Serome und Infektionen nachweislich [4]
4. Perioperatives Management
Neben lokalen Maßnahmen spielen systemische Faktoren eine wichtige Rolle für die Wundheilung.
- Normothermie während der Operation
- Strikte Blutzuckerkontrolle, auch ohne bekannten Diabetes
- Minimierung der Operationsdauer
5. Postoperative Phase: der entscheidende blinde Fleck
Ein zentraler, in vielen Systemen unterschätzter Bereich ist die Versorgung nach Entlassung.
Erfahrungen aus dem britischen Versorgungssystem zeigen, dass der überwiegende Anteil der Wundprobleme nach der Entlassung auftritt und damit außerhalb stationärer Surveillance liegt [5].
Zusätzlich besteht eine erhebliche Variabilität in der Wundversorgung:
- unterschiedliche Verbandwechselintervalle
- keine einheitlichen Standards nach Sectio
- heterogene Nachsorgepfade zwischen Klinik und ambulanter Versorgung
Die Folge ist eine strukturelle Versorgungslücke zwischen stationärem und ambulantem Sektor.
Was im Alltag oft übersehen wird
Ein typischer Verlauf zeigt die Schwachstelle im System besonders deutlich:
Eine Patientin wird nach unauffälliger Sectio entlassen. Einige Tage später entwickeln sich lokale Entzündungszeichen. Die Diagnose erfolgt im ambulanten Bereich – und taucht in der stationären Statistik nicht mehr auf.
Kurz gesagt
Die Gesamtlage lässt sich klar zusammenfassen:
- Wundinfektionen nach Kaiserschnitt sind selten, aber systematisch untererfasst
- Die tatsächliche Inzidenz hängt stark von der Nachverfolgung ab
- Der überwiegende Anteil der Infektionen entsteht poststationär
- Prävention ist wirksam, scheitert aber häufig an der Umsetzungskette
- Antibiotikagabe und Wundmanagement zeigen teilweise eine hohe Variabilität in der Praxis
Entscheidend ist daher nicht nur die Operation selbst, sondern die durchgängige Prozessqualität über Sektorgrenzen hinweg.
Quellen
[1] Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS), 2024, Postoperative Wundinfektionen nach Sectio caesarea in Deutschland, Springer Medizin
[2] World Health Organization (WHO), 2016, Global Guidelines for the Prevention of Surgical Site Infection, WHO Press
[3] Allegranzi, B. et al., 2016, New WHO recommendations on preoperative measures for surgical site infection prevention, The Lancet Infectious Diseases
[4] National Institute for Health and Care Excellence (NICE), 2019, Surgical site infections: prevention and treatment, NICE Guideline NG125
[5] Wounds UK, 2023, Caesarean section wound care: the current picture in one UK region, Wounds UK Journal Articles



