Die Wundversorgung ist klinisch komplex – sie umfasst akute Traumata ebenso wie chronische Wunden bei multimorbiden Patienten. Angesichts der Vielfalt an therapeutischen Optionen, Geräten und Interventionen stellt sich immer wieder die Frage: Welche Maßnahmen helfen wirklich?
Dazu braucht es mehr als „klinisches Bauchgefühl“ – es braucht solide statistische Evidenz.
In seinem Artikel hebt der (nicht-klinische) Biostatistiker John Stephenson hervor, wie Statistik und statistische Expertise nicht nur Forschungsfragen beantworten, sondern die gesamte Qualität klinischer Studien und damit die Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen in der Praxis sichern.
Von der Planung bis zur Auswertung: Statistik als Leitfaden
Statistische Verfahren begleiten die Wundversorgung von der Studienplanung bis zur Auswertung. Bereits bei der Planung helfen sie, die richtige Fragestellung zu formulieren und das passende Studiendesign zu wählen – etwa einen Vergleich zweier Verbandstypen oder die Beobachtung von Wundheilungsraten über die Zeit. Auch die Stichprobengröße wird statistisch ermittelt, um sicherzustellen, dass Studien aussagekräftig sind, ohne Patientinnen und Patienten unnötig zu belasten.
Darüber hinaus ermöglicht Statistik die korrekte Analyse komplexer Daten. In der Praxis fallen häufig unvollständige Datensätze oder Messungen mit unterschiedlichen Genauigkeiten an. Statistische Methoden helfen, diese Lücken zu berücksichtigen und die Ergebnisse nicht zu verfälschen. So werden Therapieeffekte realistisch und zuverlässig eingeschätzt.
Fallbeispiel: Medizinische Fersen-Schutzstiefel zur Vermeidung von Druckgeschwüren
Ein anschauliches Beispiel zeigt, wie Statistik in der Praxis wirkt: In einer Studie mit intensivpflegebedürftigen Patienten wurde untersucht, ob ein spezieller medizinischer Fersen-Schutzstiefel Druckgeschwüre an den Fersen verhindert. In der Standardversorgungsgruppe traten 11 neue Läsionen auf, während in der Interventionsgruppe nur 1 Läsion auftrat. Die statistische Auswertung zeigte, dass dieser Unterschied sehr wahrscheinlich nicht zufällig ist. Gleichzeitig erlaubt das Konfidenzintervall eine realistische Einschätzung der Präzision des Effekts. Dieses Ergebnis lieferte klare, evidenzbasierte Hinweise, dass die Intervention wirksam ist – und kann direkt in die klinische Praxis umgesetzt werden.
Von der Analyse zur besseren Versorgung
Statistik beantwortet nicht nur die Frage, ob eine Intervention wirkt, sondern auch wie stark und zuverlässig der Effekt ist. Sie schützt vor Fehlinterpretationen, ermöglicht die richtige Einschätzung von Therapieeffekten und unterstützt die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Wundexperten und Pflegekräften. Interimsanalysen können zudem helfen, Studien frühzeitig zu bewerten und gegebenenfalls abzubrechen, wenn sich deutliche Effekte zeigen – zum Schutz der Patienten und zur effizienten Nutzung von Ressourcen.
Statistische Methoden sind also kein akademisches Extra, sondern ein zentrales Werkzeug für Qualität, Sicherheit und Transparenz in der Wundversorgung. Sie helfen, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen, Therapieeffekte realistisch einzuschätzen und die Versorgung von Patientinnen und Patienten nachhaltig zu verbessern. In einer komplexen und interdisziplinären Praxisumgebung wird statistische Expertise damit zu einem entscheidenden Baustein für erfolgreiche, patientenorientierte Wundversorgung.
Quelle: Global Wound Care Journal, 29.04.2025



