Feb 262018
 
Blick auf die Teilnehmer

Wundnetzveranstaltung am 07.02.2018

Auch in diesem Jahr lud das Wundnetz Kiel am 07.Februar 2018 wieder zu einer Fortbildungsveranstaltung in das Hotel ATLANTIC ein. Zirka 80 Teilnehmer erwarteten mit Spannung den Vortrag von Jürgen Schwabe zum Thema „Die chronische Wunde aus Sicht der Kostenträger und der Politik“. Wie immer ein heiß diskutiertes Thema, besonders durch die angespannte aktuelle Situation des Fachkräftemangels in der Pflege.

Der Hauptreferent, Jürgen Schwabe, ist seit 2017 für die Firma medi GmbH & Co. KG als Krankenkassenmanager Medical National tätig. Von 1986 bis 2016 arbeitete Herr Schwabe für die BARMER GEK, davon 16 Jahre als Abteilungsleiter der Leistungsabteilung. Als Vertragsreferent gehörte die Ausarbeitung, Entwicklung und Umsetzung von Selektivverträgen (auch chronische Wundversorgung) zu seinen Aufgaben. Dreißig Jahre Berufserfahrung bei einem Kostenträger in der Leistungsbewilligung! Dieser Erfahrungsschatz ist Gold wert und darf von uns gerne genutzt werden. Für dieses Angebot bedanken wir uns schon jetzt bei Herrn Schwabe.


Als erstes bekamen wir einen Einblick in die Finanzierung des Gesundheitsfonds der gesetzlichen Krankenversicherung für 2018. Was stellen wir uns darunter vor?

  • Der Gesundheitsfonds ist seit 01.01.2009 für alle Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung in Kraft getreten.
  • Damit wurde eine Art Geldsammelstelle für alle Krankenkassen eingeführt.
  • Die Beiträge aus einem einheitlichen Beitragssatz von 14,6% der Bruttoeinnahmen (je 7,3% tragen Arbeitnehmer/Arbeitgeber) werden in den Gesundheitsfonds eingezahlt, der aktuell ca. 220 Mrd. Euro beträgt.
  • Aus diesem Finanzpool erhalten die Kassen für jeden Versicherten einen Einheitsbetrag plus Zuschläge für Altersstruktur und Risiken ihrer Versicherten (Risikostrukturausgleich). Reichen diese Mittel nicht aus, so kann die einzelne Kasse noch einen Zusatzbeitrag erheben.
  • Außerdem wird der Gesundheitsfonds durch jährlich angepasste Steuermittel finanziert (derzeit ca. 14 Mrd. Euro).

Ein immens großer Wachstumsmarkt mit einem extremen Wettbewerb für die gesunden Mitglieder! Aber wäre es nicht wünschenswert, einen Wettbewerb um die Gesundheit unserer Mitglieder zu führen? Innovation statt Regelversorgung von ca. 80 Krankheitsbildern?

Wie gestalten sich Theorie und Praxis derzeit in der Wundversorgung?

Die Behandlung chronischer Wunden (ca. 4 Mio. in Deutschland) gehört zum Leistungsspektrum der Krankenkassen. Dazu gehören die Kosten für die ärztliche und ggf. stationäre Behandlung sowie das Material und die Durchführung des Verbandswechsels.

ABER: Der Patient mit einer chronischen Wunde ist für alle Beteiligten in der Versorgung unattraktiv!!! Warum?

  • Die Krankenkassen erzielen einen negativen Deckungsbeitrag.
  • Der Arzt belastet sein Budget mit hochpreisigen Materialien und erhält über den EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) ein kaum adäquates Honorar für die geleisteten Verbandswechsel und notwendigen Therapiemaßnahmen.
  • In der ambulante Pflege ist mit einer durchschnittlichen Behandlungspauschale von ca. 11,00€ eine chronische Wundversorgung nicht wirtschaftlich.

Welche Möglichkeiten könnten zur Verbesserung der Situation genutzt werden?

  • Die Kassen können bei Bedarf sogenannte „Verträge der besonderen Versorgung“ mit zugelassenen Leistungserbringern abschließen (Selektivverträge).
  • Nutzung von Fördermöglichkeiten für bereits bestehende Praxisnetzwerke nach§ 87 Abs. 4 SGB V
  • Zusammenschluss von ärztlichen und nichtärztlichen Leistungserbringern zur Verbesserung der Versorgung von Wundpatienten in Form von Versorgungsnetzwerken
  • Projekt: Gründung eines Wundzentrums für ganz Schleswig-Holstein, ausgehend vom Wundnetz Kiel, mit einem Selektivvertrag (Mustervertrag wird bereitgestellt)
  • Nutzung des Innovationsfonds der GKV im Rahmen des Versorgungsstärkungsgesetzes (gesamt 300 Mio. Euro jährlich) für Maßnahmen der optimierten Wundversorgung in SH

Als Fazit dieses Vortrages ergab sich die eindeutige Erkenntnis: „Nicht nur reden. Tun wir gemeinsam etwas und nutzen die vorhandenen Möglichkeiten professionell aus.“

Im Anschluss an diesen Vortrag präsentierte uns Christian Bender vom Pflegedienst Sonnenschein einen Fallbericht, der uns die aktuelle Situation in der Pflege deutlich vor Augen führte. In fortlaufenden Fotos wurde uns der Wundverlauf einer offenen Bauchwunde einer Patientin im Zeitrahmen von 2014 bis 2015 präsentiert. Da die klinische Unterdrucktherapie im ambulanten Bereich nicht genehmigt wurde, dauerte die Heilung hier unverhältnismäßig lange und war mit hohen Kosten und einem hohen Zeitaufwand verbunden. Für den Pflegedienst stellte diese Wundversorgung ein eindeutiges Verlustgeschäft dar. Mit einem errechneten Verdienst von ca. 2.000,00 Euro für den Aufwand eines ganzen Jahres (inklusive Nebenkosten für Personal, Zeit und Fahrkosten) kam Herr Bender zum abschließenden Ergebnis: „Unser Pflegedienst kann sich die Versorgung chronischer Wunden nicht mehr leisten.“ Selbstverständlich führte diese Aussage zu einer lebhaften Diskussion. Aber sie bestätigte uns in der Einsicht, dass nur ein gemeinsames Vorgehen in der Verhandlung mit den Leistungsträgern erfolgversprechend sein kann.

Download: →Jürgen Schwabe: „Die chronische Wunde aus Sicht der Kostenträger und der Politik“

(Bericht: Brigitte Stahl)


Standards

Auch in diesem Jahr wurden in Zusammenarbeit mit dem Wundnetz Hamburg wieder Standards aktualisiert. Diese sind detailliert auf der Website des Wundnetzes Kiel in der Rubrik →Standards nachzulesen. Dabei wird jeder Hinweis für Überarbeitungswünsche gern entgegengenommen.


Kommende Termine:

  • 07.03.2018: 10. Kieler Wundsymposium im Bürgerhaus Kronshagen (8 ICW Fortbildungspunkte)
  • 16.-18.05.2018: Deutscher Wundkongress in Bremen
  • 06.06.2018: Veranstaltung Wundnetz Kiel
  • 21.11.2018: Veranstaltung Wundnetz Kiel

→Weitere Informationen unter „Veranstaltungen“