Die Versorgung chronischer Wunden in Deutschland steht weiterhin vor erheblichen Herausforderungen. Trotz moderner Medizin bleibt sie vielerorts unzureichend — mit erheblichen Folgen für Lebensqualität, Funktionalität und Gesundheitskosten. Der 11. Wunddialog des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) am 27. Februar 2026 in Berlin bot ein offenes Forum, um Ursachen, Defizite und konkrete Lösungsansätze zu diskutieren.

Warum die Versorgung so schwierig ist

Chronische Wunden — dazu gehören z. B. Ulcus cruris, diabetische Fußulzera und Druckgeschwüre — sind komplexe, langwierige Krankheitsbilder, die unterschiedliche Ursachen und Verläufe haben. Die Expertendiskussion zeigte, dass:

  • Evidenzanforderungen an Wundversorgungsprodukte derzeit oft nicht praxisgerecht sind. Randomisierte Studien, die als „Goldstandard“ gelten, stoßen bei Wundprodukten an methodische Grenzen: viele Verbände werden in Studien nicht so eingesetzt wie im klinischen Alltag, und Endpunkte sind oft nicht patientenrelevant.
  • Diese rigiden Nachweisanforderungen führen dazu, dass viele medizinisch sinnvolle Produkte schwer oder gar nicht erstattungsfähig werden, was ihre Nutzung in der Routine behindert.

Das Ergebnis: Ein spürbarer Versorgungsrückstand in der Praxis und eine Diskrepanz zwischen dem, was medizinisch möglich ist, und dem, was tatsächlich im Versorgungssystem ankommt.

Leidensdruck der Betroffenen — und die Konsequenzen

Fachleute betonten, dass chronische Wunden weit mehr sind als ein klinisches „Problem“:

  • Sie verursachen anhaltende Schmerzen, verringerte Mobilität, psychosoziale Belastungen und bei Verzögerungen in Diagnostik oder Therapie teils dramatische Folgen.
  • Lange Heilungszeiten belasten Patienten und das Gesundheitssystem gleichermaßen, häufig verbunden mit wiederholten Krankenhausaufenthalten oder sogar Amputationen.

Das macht klar: Chronische Wunden sind kein Nebenschauplatz, sondern ein Kernproblem der ambulanten und stationären Versorgung.

Kernforderungen: Diagnosis, Zusammenarbeit, Dokumentation

Die Expertendiskussion des Wunddialogs zeigte, dass Verbesserungen nicht nur einzelne Maßnahmen, sondern ein Systemwandel brauchen. Zu den wichtigsten Themen gehörten:

  • Strukturierte frühe Diagnostik und Risikoeinschätzung, um Wunden frühzeitig zu identifizieren und Therapiepfade rechtzeitig einzuleiten.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Chirurgen, Wundexperten, Pflegekräften, Podologen und anderen, um sektorenübergreifende Lücken zu schließen.
  • Standardisierte, digitalisierte Dokumentation und Kommunikation über Versorgungsstufen hinweg. Nur so lässt sich Qualität messbar machen und Versorgungspfade eindeutig steuern.

Hier setzt auch die vom BVMed vorgeschlagene „Nationale Wundstrategie“ an — ein Konzept, das verbindliche Versorgungspfade, Leitbilder und digitale Strukturen festschreiben will und das von vielen Dialogteilnehmern als zentrale Grundlage für nachhaltige Verbesserungen gesehen wurde.

Patient in den Mittelpunkt stellen

Ein zentrales Credo, das mehrfach betont wurde: Therapie muss sich am Leben des Patienten orientieren, nicht allein an Studienendpunkten oder Prozesszahlen. Dazu gehört:

  • Patientenbeteiligung an Therapieentscheidungen, um Therapietreue und -effekt zu erhöhen.
  • Anpassung von Therapien an den Alltag des Patienten, statt Standardlösungen unabhängig von Lebensumständen.

Diese Haltung kann die Wirksamkeit der Versorgung verbessern und hilft, die oft langen Heilungsverläufe wirklich zu verkürzen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Für Ärzte, Wundexperten und Pflegekräfte heißt das konkret:

  • Nutzen Sie frühzeitige Screening‑Tools und strukturierte Wundassessments, um Latenzzeiten zu minimieren.
  • Fördern Sie teamspezifische Fall‑ und Wissensteilung zwischen ambulant und stationär sowie innerhalb interdisziplinärer Netzwerke.
  • Achten Sie auf Praxisdokumentation, die mehr ist als nur bürokratischer Nachweis, sondern Grundlage für Qualitätssicherung und sektorenübergreifende Kommunikation.

Diese Elemente sind nicht nur „nice to have“, sondern entscheidend, damit die Vision einer besseren Versorgung chronischer Wunden Realität wird — und nicht nur Idee auf dem Papier bleibt.


Hier nochmal kurz zusammengefasst:

Praktische Handlungsempfehlungen für die Wundversorgung

1. Frühe und strukturierte Diagnostik

  • Wunden so früh wie möglich erkennen, z. B. bei Risikopatienten mit Diabetes, venöser Insuffizienz oder Immobilität.
  • Standardisierte Assessments verwenden (z. B. Wound‑Assessment‑Formulare) für objektive Dokumentation von Größe, Tiefe, Exsudat und Infektionszeichen.

2. Interdisziplinäre Zusammenarbeit

  • Teams bilden: Hausarzt, Wundexperte, Pflegekraft, Podologe, ggf. Chirurg.
  • Regelmäßige Fallbesprechungen einplanen, um Therapiepläne abzustimmen und Doppeluntersuchungen zu vermeiden.
  • Sektorenübergreifend kommunizieren: digital oder per strukturierter Dokumentation.

3. Patientenzentrierte Therapie

  • Therapieentscheidungen gemeinsam mit dem Patienten treffen.
  • Alltagsrelevante Faktoren berücksichtigen: Mobilität, häusliche Unterstützung, Compliance.
  • Patienten aufklären über Wundheilung, Risikofaktoren und Eigenpflege.

4. Einsatz geeigneter Wundprodukte

  • Auswahl nach klinischer Evidenz, praktischer Erfahrung und Patientensituation, nicht nur nach Erstattungsfähigkeit.
  • Therapie regelmäßig evaluieren und bei Bedarf anpassen.

5. Dokumentation und Qualitätssicherung

  • Digitale Tools oder standardisierte Formulare nutzen, um Verlauf, Maßnahmen und Ergebnisse lückenlos zu dokumentieren.
  • Daten für Qualitätskontrolle, Audit und Forschung bereitstellen, um Versorgungslücken zu erkennen.

6. Fortbildung und Networking

  • Regelmäßige Teilnahme an Fachfortbildungen, Workshops und Wunddialogen, um über neue Produkte und Leitlinien informiert zu bleiben.
  • Erfahrungsaustausch im regionalen oder überregionalen Netzwerk fördern.

Kurz gesagt: Wer früh diagnostiziert, interdisziplinär zusammenarbeitet, den Patienten in den Mittelpunkt stellt und eine konsequente Dokumentation pflegt, kann die Versorgung chronischer Wunden deutlich verbessern und Heilungszeiten verkürzen.


Pi BVMed, 04.03.2026. Beitragsbild: Pressebild BVMed

 

 

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