In der klinischen Wundversorgung stehen wir täglich vor der Herausforderung, Wunden nicht nur zu versorgen, sondern auch infektiöse Komplikationen frühzeitig zu erkennen, zu begrenzen und zu behandeln. Genau dort setzt eine innovative Technologie an: DACC‑beschichtete Wundverbände. Dieses System basiert auf einem physikalischen Wirkprinzip – nicht auf chemischen Wirkstoffen – und eröffnet neue Perspektiven im Kampf gegen Bioburden, Infektionen und die wachsende Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen.
Wie funktioniert DACC eigentlich?
„DACC“ steht für Dialkylcarbamoylchlorid – ein hydrophobes Molekül, das auf den Wundkontaktlagen von Verbänden appliziert wird:
- Hydrophobe Interaktion: DACC bindet hydrophobe Mikroorganismen – also Bakterien und Pilze – physikalisch an die Verbandoberfläche.
- Mechanische Entfernung: Bei jedem Verbandwechsel wird der gebundene Bioburden mit entfernt, ohne aktive antimikrobielle Wirkstoffe freizusetzen.
- Keine Toxizität: Da keine chemische Wirkkomponente freigesetzt wird, entstehen keine toxischen Abbauprodukte im Wundbett – ein klarer Vorteil gegenüber klassischen Antiseptika.
Dies macht DACC‑Dressings besonders interessant für Situationen, in denen eine antimikrobielle Wirkung gewünscht ist, ohne antimikrobielle Resistenzen zu fördern oder gesundes Gewebe zu schädigen.
Was sagt die Evidenz?
Das internationale Positionspapier fasst die Datenlage zusammen – und die ist erfreulich praxisnah:
✅ Reduzierter Wundbioburden
Studien zeigen, dass DACC‑Dressings die mikrobielle Belastung im Wundbett senken können – sowohl bei akuten als auch chronischen Wunden.
✅ Infektionsprävention & –behandlung
Mehrere Studien und systematische Reviews berichten über einen positiven Effekt auf die Prävention postoperativer Wundinfektionen sowie auf die Behandlung lokaler Infektionen.
✅ Breites Anwendungsspektrum
Evidenz gibt es für diabetische Fußulzera, venöse Unterschenkelulzera, Druckgeschwüre, Operationswunden und mehr.
✅ Kosten‑Nutzen‑Aspekt
Weniger Infektionen bedeuten häufig kürzere Behandlungszeiten, geringere Antibiotikaanwendung und damit geringere Therapiekosten – ein Plus für Patient:innen und Gesundheitssystem.
Praxisbeispiele – Learning by Case
Die Praxis zeigt, wie DACC‑Verbände wirken können:
Diabetischer Fußulcus:
Chronische Ulzera mit Biofilm reagierten auf DACC‑Dressings mit signifikanter Reduktion des Bioburdens, gesteigerter Granulationsbildung und schlussendlich vollständiger Heilung.
Vaskuläre Ulzera:
In Kombination mit Kompression zeigte sich eine beschleunigte Heilungsprogression.
Solche klinischen Beobachtungen unterstreichen, wie wichtig ein gezielter Einsatz der Technologie im Rahmen des Wundbettmanagements ist.
DACC im Kontext antimicrobial Stewardships
Gerade im Zeitalter von antimikrobieller Resistenzen (AMR) gewinnen physikalische Mechanismen an Bedeutung in der Wundversorgung:
- DACC reduziert bakterielle Belastung, ohne Antibiotika freizusetzen.
- Kein Selektionsdruck für Resistenzen.
- Kann antimikrobielle Stewardship‑Strategien unterstützen, indem Antibiotika besser „geschont“ werden.
Erstattungsfähigkeit und GKV‑Status
Die rechtliche Einordnung in Deutschland ist durch die neue Verbandmittel‑Definition (§ 31 SGB V) relevant. Hier gilt:
DACC‑beschichtete Produkte werden als „Verbandmittel mit ergänzenden Eigenschaften“ (Produktgruppe 2) eingeordnet – also solche, die ohne aktive pharmakologische Wirkstoffe wirken.
Damit sind sie heute und auch künftig erstattungsfähig über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV), auch über künftige Übergangsfristen hinaus – im Unterschied zu einigen antimikrobiellen Verbänden mit Wirkstoffabgabe (z. B. Silber oder PHMB), die sich einer Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G‑BA) unterziehen müssen oder deren Erstattungsfähigkeit fraglich ist.
Wo liegen die Chancen für die Praxis?
DACC‑beschichtete Verbände sollten in Betracht gezogen werden
- bei Wunden mit hohem Risiko für Infektionen
- zur Infektionsprävention nach Eingriffen
- als ergänzende Maßnahme bei chronischen, schwer heilenden Wunden
- als Bestandteil einer evidenzbasierten, ressourcenbewussten Wundversorgung
Mit ihrem physikalischen Wirkmechanismus und der soliden Datenlage bieten sie einen wertvollen Baustein im modernen Wundmanagement – ganz im Sinne einer patientenzentrierten und nachhaltigen Versorgung.
Hintergrundinformation
Eine Expertengruppe aus Großbritannien, Europa und Südafrika stellte fest, dass eine evidenzbasierte Überprüfung erforderlich ist, um auf Grundlage der verfügbaren Evidenz international anerkannte Leitlinien für die Verwendung von DACC-Verbänden zu erstellen.
In jedem Kapitel eines daraufhin erstellten Positionspapiers wird eine narrative Literaturübersicht präsentiert, die die veröffentlichten In-vitro- und klinischen Erkenntnisse über die antimikrobiellen Eigenschaften von DACC-beschichteten Wundverbänden vorstellt und kritisch untersucht. Außerdem wird erläutert, wie DACC mit AMS bei der Prävention, Behandlung und dem Management von Infektionen kombiniert werden kann, um die Wundheilung bei akuten, chronischen und schwer heilenden Wunden zu ermöglichen.
Hier kann das Positionspapier heruntergeladen werden (PDF, engl.)
Quelle: Wounds International Journal, 17.09.2025. Beitragsbild: KI-generiert



