Kaltplasma hin, Kaltplasma her: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) nimmt hinsichtlich der Kaltplasmatherapie bei chronischen Wunden einen neuen Anlauf. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Datenlage inzwischen deutlich umfangreicher als noch bei der Erstellung der deutschen S3-Leitlinie 2023. Für die Wundpraxis wird es deshalb spannend.
Bereits 2023 hatte der G-BA eine Erprobungsstudie zur Kaltplasmabehandlung chronischer Wunden auf den Weg gebracht. Ein Konsortium aus neoplas med GmbH, terraplasma medical GmbH und Cinogy GmbH erklärte sich zunächst bereit, die Studie zu unterstützen. Im September 2025 zog das Konsortium seine Teilnahme zurück und begründete dies unter anderem mit Kritik an den Rahmenbedingungen und dem Studiendesign. [1, 2]
Der G-BA macht dennoch weiter. Mit der KAPLAN-Studie soll untersucht werden, ob Kaltplasma zusätzlich zur leitliniengerechten Standardversorgung die Heilung chronischer Wunden verbessert. Vorgesehen ist ein randomisierter Vergleich mit einer Scheinbehandlung; primärer Endpunkt ist der vollständige Wundverschluss. [3]
Das ist grundsätzlich die richtige Fragestellung: Nicht Kaltplasma gegen gute Wundversorgung, sondern Kaltplasma zusätzlich zur guten Wundversorgung.
Die Evidenz ist inzwischen weiter
Die S3-Leitlinie zur Lokaltherapie schwerheilender und chronischer Wunden von 2023 bewertete die damalige Evidenz für Niedertemperaturplasma als nicht ausreichend. Die Datenlage war klein und die Evidenzqualität sehr niedrig. [4]
Seitdem sind jedoch mehrere neue Arbeiten erschienen.
Eine Meta-Analyse von 2025 mit zwölf Studien und 448 Patienten fand unter Kaltplasma eine stärkere Reduktion der Wundfläche und eine geringere bakterielle Belastung. [5] Eine weitere systematische Übersichtsarbeit zu diabetischen Fußulzera kam ebenfalls zu Hinweisen auf eine schnellere Wundflächenreduktion, betonte aber die geringe Zahl und Größe der Studien. [6]
Noch aktueller ist eine 2026 publizierte Meta-Analyse von zwölf randomisierten Studien mit 477 Patienten. Sie zeigte Vorteile bei Wundflächenreduktion, Heilungsraten und bakterieller Belastung. Gleichzeitig fanden die Autoren deutliche Unterschiede zwischen den verwendeten Plasmatechnologien und weiterhin relevante Einschränkungen der Studienqualität. Größere und standardisierte Studien seien deshalb notwendig. [7]
Auch eine 2026 veröffentlichte randomisierte Studie bei diabetischen Fußulzera berichtet über einen beschleunigten Wundverschluss und eine Reduktion pathogener Bakterien unter Kaltplasma. [8]
Die Botschaft lautet deshalb weder „Kaltplasma wirkt“ noch „Kaltplasma wirkt nicht“.
Die bessere Aussage ist:
Die aktuelle Evidenz zeigt ein zunehmend interessantes Signal für einen zusätzlichen Nutzen – sie ist aber noch nicht homogen und robust genug, um daraus eine generelle Standardtherapie abzuleiten.
Was bedeutet das für die Praxis?
Kaltplasma ersetzt keine Ursachenbehandlung.
Ein venöses Ulkus braucht Kompression, ein diabetisches Fußulkus Druckentlastung und eine konsequente Behandlung der Grunderkrankung. Gefäßstatus, Debridement, Infektionsmanagement und eine adäquate lokale Wundversorgung bleiben die Grundlage.
Kaltplasma kann allenfalls ein zusätzlicher Baustein sein.
Und genau deshalb ist die Frage der KAPLAN-Studie so relevant: Nicht ob Plasma im Labor antimikrobiell wirkt, sondern ob ein Patient mit einer chronischen Wunde durch die zusätzliche Anwendung klinisch relevant schneller und zuverlässiger zur Wundheilung kommt.
Dabei darf man nicht vergessen: Kaltplasma ist keine einheitliche Therapie. Unterschiedliche Geräte, Plasmaquellen, Behandlungszeiten und Anwendungsschemata können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Die aktuelle Meta-Analyse weist ausdrücklich auf diese Heterogenität hin. [7]
Jetzt kommt es auf eine gute Studie an
Der G-BA hat damit eine wichtige Aufgabe übernommen. Die KAPLAN-Studie sollte zeigen, ob sich die inzwischen durchaus ermutigenden Ergebnisse der neueren Forschung unter kontrollierten und versorgungsnahen Bedingungen bestätigen lassen.
Für Ärzte, Pflegekräfte und Wundexperten bleibt deshalb eine nüchterne Haltung sinnvoll:
Kaltplasma ist kein Wundermittel. Aber es ist auch längst kein Thema mehr, das man einfach als experimentelle Spielerei abtun kann.
Die entscheidende Frage lautet inzwischen:
Welcher Patient mit welcher chronischen Wunde profitiert unter welchen Bedingungen tatsächlich von Kaltplasma?
Genau darauf sollte die weitere Forschung Antworten geben.
Quellen
[1] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), 2023. Erprobungsstudie zur Kaltplasmabehandlung bei chronischen Wunden – Herstellerkonsortium übernimmt Studienbegleitung. Berlin.
[2] neoplas med GmbH, 2025. Konsortium zur Behandlung chronischer Wunden zieht Teilnahme an gesundheitspolitischer Erprobungsstudie zurück. Pressemitteilung, 30.09.2025.
[3] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), 2026. KAPLAN – Kaltplasmabehandlung bei chronischen Wunden. Studieninformation. KAPLAN-Studie beim G-BA
[4] Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung et al., 2023. S3-Leitlinie Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden. AWMF-Registernummer 091-001.
[5] Li, Y. et al., 2025. Cold Atmospheric Plasma for Promoting Healing and Anti-Infection of Chronic Wounds: a Meta-Analysis. Clinical Laboratory, 71(3). DOI: 10.7754/Clin.Lab.2024.241028.
[6] Hassan, W. et al., 2025. Cold Atmospheric Pressure Plasma in the Treatment of Diabetic Foot Ulcers: A Systematic Review. International Wound Journal, 22(5), e70517. DOI: 10.1111/iwj.70517.
[7] Yuan, N. et al., 2026. Effects of cold atmospheric plasma therapy on chronic wounds: A systematic review and meta-analysis. Journal of Tissue Viability, 35(3), 101017. DOI: 10.1016/j.jtv.2026.101017.
[8] Yaghoobi, M.H. et al., 2026. Cold atmospheric plasma accelerates wound closure and reduces pathogenic bacterial load in diabetic foot ulcers: a randomized controlled trial. Scientific Reports. DOI: 10.1038/s41598-026-62803-w.



