„ABI gemessen – alles klar?“
So einfach ist es leider nicht mehr. Der Knöchel-Arm-Index (ABI, Ankle-Brachial-Inde, auch: Ankle Brachial Pressure Index, ABPI) galt lange als verlässlicher Gatekeeper: entscheidet er doch darüber, ob Kompressionstherapie sicher ist oder nicht. Doch aktuelle Analysen zeigen: Die scheinbar klaren Grenzwerte geraten zunehmend ins Wanken [1].
Der Klassiker – und sein Problem
In der täglichen Praxis ist der ABI unverzichtbar. Er hilft, eine relevante periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) auszuschließen und damit die Sicherheit einer Kompressionstherapie zu beurteilen. Denn: Ohne ausreichende arterielle Perfusion kann Kompression Schaden anrichten [2].
Typische Orientierung:
- 0,8–1,2: Kompression in der Regel sicher
- 0,6–0,8: Graubereich
- <0,5–0,6: keine Kompression, dringende Abklärung
Diese Einteilung ist vielen vertraut – aber genau hier beginnt das Problem.
Uneinigkeit in Leitlinien: Der Graubereich wächst
Eine Analyse internationaler Leitlinien zeigt deutliche Widersprüche: Während einige Leitlinien bei einem ABI von 0,6–0,8 reduzierte Kompression empfehlen, raten andere komplett davon ab [1].
Für die Praxis bedeutet das:
- Es gibt keinen einheitlichen „sicheren“ Schwellenwert
- Entscheidungen werden zunehmend kontextabhängig
Das ist besonders relevant bei Patienten mit gemischter Genese (arteriell + venös) – also genau den komplexen Fällen, die im Alltag dominieren.
Warum der ABI allein nicht reicht
Der ABI misst Druckverhältnisse – aber keine Durchblutung im Gewebe. Und genau hier liegt die Limitation:
- Verkalkte Gefäße (z. B. bei Diabetes) → falsch hohe Werte
- Ödeme oder Schmerzen → Messfehler
- Ruhige Situation ≠ Belastungssituation
Hinzu kommt: Ein niedriger ABI ist nicht nur ein lokales Problem. Er ist ein Marker für ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Mortalität [3].
Anders gesagt: Der ABI zeigt nicht nur die Beine – sondern das gesamte Gefäßsystem.
Kompression: Zwischen Nutzen und Risiko
Kompression bleibt der Goldstandard bei venösen Ulzera. Sie verbessert die Heilung signifikant [2]. Aber:
- Zu viel Druck bei arterieller Insuffizienz → Ischämie
- Zu wenig Druck → keine therapeutische Wirkung
Gerade im Grenzbereich (0,6–0,8) ist deshalb klinisches Denken gefragt.
Was bedeutet das konkret für den Alltag?
1. ABI ist ein Werkzeug – kein Urteil
Er sollte immer Teil einer ganzheitlichen Beurteilung sein:
- Hautfarbe, Temperatur, Schmerz
- Pulse (palpatorisch / Doppler)
- Wundcharakteristik
2. Graubereich = Spezialfall
Bei ABI 0,6–0,8:
- reduzierte Kompression erwägen
- engmaschige Kontrolle
- ggf. Gefäßdiagnostik ergänzen
3. Technik und Kontext prüfen
Messfehler sind häufig. Deshalb:
- richtige Manschettengröße
- ruhige Lagerung
- ggf. Wiederholung der Messung
4. Interdisziplinär denken
Bei Unsicherheit: frühzeitig Gefäßspezialisten einbinden.
Kurz gesagt: Mehr klinisches Denken, weniger starre Zahlen
Der ABI bleibt ein zentraler Bestandteil der Diagnostik – aber seine Rolle verändert sich. Statt starrer Grenzwerte braucht es:
✔ klinische Erfahrung
✔ individuelle Risikoabwägung
✔ interdisziplinäre Zusammenarbeit
Denn am Ende entscheidet nicht der Wert allein – sondern der Patient vor uns.
Quellen
[1] Team, V. et al. (2024): Ankle brachial pressure index thresholds in flux: untangling peripheral arterial disease diagnosis from compression safety in clinical practice. Wounds UK.
[2] Team, V. et al. (2019): Ankle brachial pressure index and compression application: Review summary. Wound Practice and Research.
[3] Hajibandeh, S. et al. (2017): Prognostic significance of ankle brachial pressure index: A systematic review and meta-analysis. Journal of Vascular Surgery.
Beitragsbild: KI-generiert


