Die Haut im Wundumfeld ist besonders empfindlich. Sie wird kontinuierlich Klebstoffen, Verbänden, Reinigungsmitteln und topischen Produkten ausgesetzt, die oft Hilfs- und Konservierungsstoffe enthalten, die irritierend oder sensibilisierend wirken können. Zahlreiche Studien zeigen einen starken Zusammenhang zwischen diesen Substanzen und kutanen Nebenwirkungen, insbesondere irritativer und allergischer Kontaktdermatitis. Diese Reaktionen werden häufig nicht erkannt, verzögern die Wundheilung, erhöhen das Risiko für Sekundärinfektionen und verschlechtern den allgemeinen Patientenzustand.
Pathophysiologie der perilesionalen Kontaktdermatitis
Kontaktdermatitis bei Wunden wird in zwei Hauptformen unterschieden:
1. Irritative Kontaktdermatitis (ICD):
Tritt durch direkte Schädigung der Epidermis auf, z. B. durch Alkohole, Tenside oder Acrylklebstoffe.
Aktiviert Keratinozyten und proinflammatorische Zytokine wie IL-1α, IL-6 und TNF-α.
Entwickelt sich schnell bei wiederholtem oder längeren Kontakt, besonders bei mazerierter Haut oder unter Okklusion.
2. Allergische Kontaktdermatitis (ACD):
Typ-IV-Spätüberempfindlichkeitsreaktion, die eine Sensibilisierungsphase erfordert.
Häufige Auslöser: Kolophonium, Methylisothiazolinon (MI), Lanolin, Duftstoffe.
Aktivierte T-Lymphozyten verursachen Erytheme, Bläschenbildung, Juckreiz und Abschuppung, meist 24–72 h nach Exposition.
Patienten mit chronischen Wunden sind besonders gefährdet: Die perilesionale Haut weist häufig Barrierefunktionsstörungen, erhöhten pH-Wert und oxidativen Stress auf, was die Aufnahme sensibilisierender Stoffe erleichtert.
Häufige Risikoprodukte
Klebeverbände & Barrierefolien: Acryl- oder Kolophoniumklebstoffe, alkoholhaltige Schutzfilme → ICD und ACD. Silikonklebstoffe sind deutlich verträglicher.
Cremes & Pasten: Lanolin und MI können Allergien auslösen. Hypoallergene, dermatologisch getestete Formulierungen sind zu bevorzugen.
Reinigungsmittel: Anionische Tenside wie Natriumlaurylsulfat schädigen die Hautbarriere. Syndete mit neutralem pH-Wert sind hautschonender.
Antiseptika: Povidon-Iod oder Benzylalkohol können Hautreizungen hervorrufen. Polyhexanid oder balanciertes Chlorhexidin sind bei Bedarf vorzuziehen.
Klinische Erkennung und Diagnose
Die Früherkennung ist entscheidend:
Beobachtung durch Pflegekräfte: Hautfarbe, Textur, Erythem, Schuppung, Mazeration, Juckreiz.
Differenzialdiagnose: ICD und ACD von Infektionen, nässendem Ekzem oder Wundkomplikationen unterscheiden.
Diagnostisches Werkzeug: Epikutantest (Patch-Test) bestätigt allergische Ursachen und identifiziert versteckte Allergene in Produkten.
Interdisziplinäre Prävention und Management
Dermatologe: Diagnostik, Differenzierung, Therapieplanung.
Pflegekraft: Früherkennung, Dokumentation, Überwachung der Hautreaktionen, Anwendung sicherer Produkte.
Teamstrategie: Produktrotation, „Klebstoffruhe“, Einsatz biokompatibler Materialien.
Sichere Alternativen und Innovationen
Medizinische Silikonklebstoffe, weiche Silikonränder.
Produkte ohne Isothiazolinone, Duftstoffe oder Lanolin.
Alkohol- und lösemittelfreie Barrierefolien.
Intelligente Verbände mit Monitoring-Funktion zur Reduktion unnötiger Verbandwechsel.
Regulatorische Herausforderungen
Viele Wundprodukte der Klassen I/II müssen sensibilisierende Hilfsstoffe nicht deklarieren.
Fehlende Transparenz erschwert Diagnose, Prävention und Rückverfolgbarkeit.
Empfehlung: Vollständige Deklaration aller Bestandteile, verpflichtende Meldesysteme für unerwünschte Hautreaktionen.
Fazit für die klinische Praxis
Kontaktdermatitis durch Wundprodukte ist häufig, unterdiagnostiziert und klinisch relevant. Die Auswahl dermatologisch sicherer, biokompatibler Produkte, regelmäßige Beurteilung der perilesionalen Haut und interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Dermatologen und Pflegekräften sind entscheidend, um Heilungsergebnisse zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden.
Praxisempfehlungen:
Kontinuierliche Schulung des Personals zur Früherkennung.
Einsatz von hypoallergenen, silikonbasierten Produkten.
Interdisziplinäre Protokolle, die Dermatologen einbeziehen.
Monitoring und Dokumentation aller Hautreaktionen.
Die Zukunft der Wundversorgung sollte die Prinzipien der Immundermatologie, Materialwissenschaft und patientenzentrierten Versorgung integrieren, um eine sichere, ethische und evidenzbasierte Therapie zu gewährleisten.
Zusammenfassung einer Übersichtsarbeit von Leticia Vallejo-Carmona, Oscar Caicho-Caicedo, Enrique Chavez-Cifuentes in: Global Wound Care Journal, 29.09.2025. Download (PDF, zuletzt gesichtet am 08.01.2026, Link öffnet in neuem Tab)



