Chronische Wunden sind weit mehr als ein lokales Hautproblem. Sie begleiten Patientinnen und Patienten täglich und beeinflussen nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch das psychische Wohlbefinden, die Mobilität und das soziale Leben. Für Menschen mit langanhaltenden Wunden bedeutet dies eine ständige Präsenz, die sich in vielfältigen Belastungen zeigt.
Dieser Beitrag richtet sich an Ärzte, Pflegefachkräfte und Wundexperten, die ihre Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden verbessern und praxisnah gestalten möchten.
Belastungen für Betroffene
Patienten berichten häufig von Schmerzen, die oft auch beim Verbandwechsel auftreten. Einschränkungen der Beweglichkeit und schnelle Erschöpfung gehören zum Alltag, ebenso wie nässende oder riechende Wunden, die Schamgefühle und Rückzug verstärken können. Der hohe Zeitaufwand für Termine, Verbandwechsel und Organisation, Schlafstörungen, Angst, Frustration oder depressive Verstimmungen, insbesondere bei jahrelangen Verläufen, belasten die Betroffenen zusätzlich. Viele fühlen sich abhängig von Pflegepersonal oder Angehörigen und erleben es als besonders belastend, wenn ihre Situation nicht ernst genommen wird.
Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte
Chronische Wunden sollten nie als Routineproblem betrachtet werden. Eine konsequente Ursachenanalyse ist entscheidend: Durchblutungsstörungen, Druckbelastung, Infektionen oder Stoffwechselprobleme müssen systematisch überprüft werden. Eine regelmäßige Neubewertung des Heilungsverlaufs ist ebenso wichtig wie die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Gefäßmedizin, Diabetologie, Pflegefachkräften und Podologie.
Therapieziele
Therapieziele sollten realistisch formuliert werden. In vielen Fällen kann die Stabilisierung oder symptomatische Verbesserung genauso relevant sein wie die vollständige Heilung.
Kommunikation
Die Kommunikation mit den Betroffenen spielt eine zentrale Rolle. Ärztinnen und Ärzte sollten:
- ausreichend Zeit für Erklärungen einplanen,
- den Leidensdruck aktiv erfragen,
- Patientinnen und Patienten in Entscheidungen einbeziehen, z. B. bei Operationsentscheidungen oder Therapieanpassungen.
Organisation
Eine strukturierte Organisation der Versorgung ist entscheidend. Dazu gehört:
- Funktionierende Schnittstellen zwischen ambulanter Versorgung, stationärer Behandlung und Pflegeteams,
- Praktisch umsetzbare Verordnungen für Hilfsmittel und Kompression,
- Bei Bedarf frühzeitige Einbindung eines spezialisierten Wundzentrums.
Empfehlungen für Pflegefachkräfte
Pflegefachkräfte tragen eine zentrale Verantwortung in der Betreuung chronischer Wunden. Die Versorgung erfordert ein ganzheitliches Denken: Die Wunde ist nicht nur ein Lokalbefund, sondern eng verknüpft mit Mobilität, Schmerzempfinden, psychischem Zustand und sozialem Umfeld. Schmerzmanagement ist entscheidend, insbesondere präemptive Analgesie beim Verbandwechsel.
Beobachtung und Standards
Sorgfältige Beobachtung und Dokumentation von Exsudat, Wundgeruch, Wundrändern, Umgebungshaut und Schmerzverlauf bilden die Grundlage für eine kontinuierliche Anpassung der Pflege. Fachliche Standards sollten konsequent angewendet, jedoch individuell angepasst werden, beispielsweise bei empfindlicher Haut.
Beziehung und Kommunikation
Neben der fachlichen Expertise ist die Beziehung zu den Patientinnen und Patienten von großer Bedeutung. Kurze, empathische Gespräche können oft effektiver sein als perfekt durchgeführte Technik. Ehrlichkeit, ohne die Hoffnung zu nehmen, sowie die Förderung von Autonomie und Sensibilität für Schamgefühle sind entscheidend für eine vertrauensvolle Pflegebeziehung.
Selbstschutz
Auch der Selbstschutz von Pflegekräften darf nicht vernachlässigt werden: Supervision und Team-Austausch helfen, emotionale Belastungen zu verarbeiten. Das Erkennen eigener Grenzen ist essenziell, um Frustration oder Hilflosigkeit vorzubeugen.
Kurz gesagt
Chronische Wunden verlangen Geduld, Kontinuität und die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Heilung ist nicht nur ein biologischer, sondern auch ein sozialer und emotionaler Prozess. Die Wahrnehmung der Patientinnen und Patienten, ihre Lebensqualität und ihr emotionales Wohlbefinden sollten ebenso im Fokus stehen wie die medizinische Wundversorgung. Ein integratives, empathisches und interdisziplinäres Vorgehen ist der Schlüssel, um die komplexen Herausforderungen chronischer Wunden erfolgreich zu meistern.
Quellen:
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gesund.bund.de, eine Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit: Chronische Wunden – Leben mit einer chronischen Wunde, gesund.bund.de, 2023, online verfügbar unter: https://gesund.bund.de/chronische-wunden (eingesehen 2026).
Klein, T. M., Andrees, V., Kirsten, N., Protz, K., Augustin, M. & Blome, C.: Social participation of people with chronic wounds: a systematic review, International Wound Journal, 18(3), S. 287–311, 2020, online verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33314686/ (eingesehen 2026).
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