Venöse Beingeschwüre gehören zu den häufigsten und zugleich hartnäckigsten chronischen Wunden. Trotz erfolgreicher Abheilung erleben viele Patienten einen frustrierenden Kreislauf aus Heilung und erneutem Ulkus. Für Wundexperten stellt sich daher nicht nur die Frage, wie ein Ulkus heilt, sondern vor allem, wie es dauerhaft verhindert werden kann. Ein zentrales Instrument dabei ist die konsequente Kompression – insbesondere in Form von Kompressionsstrümpfen.
Venöse Hypertonie bleibt – auch nach der Abheilung
Die Pathophysiologie venöser Ulzera ist gut bekannt: Eine chronisch erhöhte venöse Druckbelastung infolge insuffizienter Venenklappen und einer eingeschränkten Wadenmuskelpumpe führt zu Ödemen, Entzündung und Hautschädigung. Entscheidend ist, dass diese venöse Hypertonie in der Regel nicht mit der Abheilung des Ulkus verschwindet.
Ohne venöse Intervention bleibt sie meist eine lebenslange Grunderkrankung. Wird die Kompression nach der Heilung reduziert oder beendet, steigt das Rezidivrisiko erheblich. Genau hier liegt einer der häufigsten Fehler in der Versorgung.
Kompression wirkt – aber nur in ausreichender Stärke
Die Kompressionstherapie ist der Eckpfeiler in der Behandlung venöser Ulzera. Sie verbessert den venösen Rückfluss, reduziert Ödeme, unterstützt die Mikrozirkulation und entlastet das Gewebe. Für die Heilung haben sich etwa 40 mmHg am Knöchel als wirksam erwiesen.
Für die Rezidivprophylaxe zeigt sich ein klares Bild:
Je höher die wirksame Kompression, desto geringer das Rezidivrisiko.
In der Praxis wird jedoch häufig pauschal auf Kompressionsstrümpfe niedrigerer Klassen umgestellt – oft ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Druckwirkung, des Materials oder der unterschiedlichen Klassifizierungssysteme. Das kann therapeutisch unzureichend sein.
Kompressionsstrümpfe: mehr als nur Erhaltungstherapie
Moderne Kompressionsstrümpfe mit einem Druckniveau von etwa 40 mmHg sind längst nicht nur eine „leichtere“ Alternative zum Verband. Sie bieten entscheidende Vorteile:
- wirksame Kontrolle der venösen Hypertonie
- geringeres Rezidivrisiko im Vergleich zu Verbänden
- hohe Kosteneffizienz im Langzeitverlauf
- Förderung der Selbstversorgung
- bessere Integration in den Alltag
Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die Gewöhnung: Patienten, die bereits während der aktiven Ulkusphase mit Kompressionsstrümpfen behandelt werden, behalten diese nach der Abheilung deutlich häufiger bei.
Die Auswahl zählt: Klasse, Material und Passform
Kompressionsstrumpf ist nicht gleich Kompressionsstrumpf. Unterschiede bestehen unter anderem in:
- Kompressionsklasse
- nationalen und europäischen Klassifizierungssystemen
- Rund- oder Flachstrick
- Materialsteifigkeit
- herstellerabhängigen Druckprofilen
Insbesondere steifere, höher klassifizierte Strümpfe sind für die Ödemkontrolle und Rezidivprophylaxe von Vorteil. Gleichzeitig steigt mit zunehmender Kompression die Anforderung an den Patienten.
Ein schlecht sitzender oder schwer anzulegender Strumpf führt häufig zu Unbehagen, Hautirritationen oder Therapieabbrüchen. Die fachgerechte Vermessung, Auswahl und regelmäßige Überprüfung sind daher essenziell.
Kontraindikationen ernst nehmen – Assessment ist Pflicht
Vor Beginn einer Kompressionstherapie ist eine umfassende Beurteilung zwingend erforderlich. Zentral ist der Ausschluss einer relevanten peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Neben der Anamnese gehören dazu die Inspektion, Pulspalpation sowie geeignete apparative Messverfahren.
Ebenso wichtig sind patientenbezogene Faktoren wie Mobilität, manuelle Fähigkeiten, kognitive Ressourcen und das soziale Umfeld. Kompression ist nur dann wirksam, wenn sie sicher und realistisch umsetzbar ist.
Therapietreue bleibt der limitierende Faktor
Die beste Kompression ist wirkungslos, wenn sie nicht getragen wird. Gründe für mangelnde Adhärenz sind vielfältig:
- unzureichendes Verständnis der Therapie
- Hitze, Tragekomfort und kosmetische Aspekte
- Schwierigkeiten beim An- und Ausziehen
- emotionale Überforderung
- Kosten und Verfügbarkeit
Hier kommt der Wundexperte in eine Schlüsselrolle. Strukturierte Schulung, realistische Zielsetzung, der Einsatz von An- und Ausziehhilfen sowie eine wertschätzende Kommunikation sind entscheidend. Abwertende Begriffe wie „non-compliant“ sind zu vermeiden – Vertrauen fördert den Therapieerfolg.
Kompression langfristig denken
Die Rezidivprophylaxe venöser Beingeschwüre beginnt nicht erst nach der Abheilung – sie ist integraler Bestandteil der gesamten Behandlungsstrategie. Die Evidenz zeigt eindeutig, dass wirksame Kompression nicht reduziert, sondern konsequent fortgeführt werden sollte.
Kompressionsstrümpfe mit ausreichendem Druck sind keine Übergangslösung, sondern eine langfristige Präventionsmaßnahme.
Erfolgreiche Versorgung bedeutet:
- fundiertes Assessment
- individuelle Auswahl der Kompressionsstrümpfe
- gezielte Patientenschulung
- gemeinsame Entscheidungsfindung
- kontinuierliche Unterstützung
Wer venöse Beingeschwüre nachhaltig verhindern will, muss Kompression nicht nur verordnen, sondern dauerhaft etablieren.
Quelle: Leanne Atkin: “Compression hosiery for the prevention of recurrent leg ulceration: Evidence, efficacy and best practice”, in: Wounds UK Journal, 05.11.2025. Weitere Quellenangaben dort. (Link öffnet in neuem Tab)
Bild: User:Enter, WikimediaCommons. Lizenz: CC BY-SA 4.0 (Link öffnet in neuem Tab)



