Chronische Unterschenkelulzera, insbesondere das Ulcus cruris venosum, sind häufig, therapieintensiv und belasten Patienten, Praxis und Pflege erheblich. Studien zeigen, dass viele Betroffene in der ambulanten Versorgung nicht leitliniengerecht behandelt werden – insbesondere bei Diagnostik, Kompressionstherapie und Koordination der Betreuung. Eine strukturierte Herangehensweise, bei der frühzeitige Diagnose, konsequente Kompression und interprofessionelle Abstimmung Hand in Hand gehen, kann Heilungsraten deutlich verbessern, Rezidive reduzieren und den Aufwand für Arzt und Pflege verringern. Die folgenden praxisnahen Empfehlungen zeigen, wie Versorgungslücken im Alltag effektiv geschlossen werden können.

1. Handlungsempfehlungen für die Hausarztpraxis

1.1 Frühzeitige und klare Diagnostik

Ziel: Kausale Therapie statt reiner Wundbehandlung

Im Praxisalltag umsetzbar:

  • Bei jeder chronischen Unterschenkelwunde:
    • Anamnese mit Fokus auf venöse Insuffizienz, Vorbehandlungen, Rezidive
    • Klinische Untersuchung (Ödem, Varikosis, Hautveränderungen)
  • ABI-Messung oder zeitnahe Veranlassung
  • Frühe Differenzierung:
    • venös
    • arteriell
    • gemischt
  • Dokumentation der Diagnose im Praxisverwaltungssystem (wichtig für Verlaufskontrolle)

Merksatz:
Keine Kompression ohne Diagnose – aber auch keine Wundruhe ohne Kausaltherapie.

1.2 Kompressionstherapie konsequent einleiten

Ziel: Heilung ermöglichen und Rezidive vermeiden

Empfehlungen:

  • Kompression innerhalb der ersten Tage nach Diagnosestellung beginnen
  • Geeignetes System auswählen:
    • Mehrlagenverbände in der Entstauungsphase
    • Medizinische Kompressionsstrümpfe oder adaptive Systeme in der Erhaltungsphase
  • Tragefähigkeit realistisch einschätzen:
    • Mobilität
    • Handhabung
    • Pflegeumfeld

Praxis-Tipp:
Lieber ein praktikables Kompressionssystem, das getragen wird, als ein „perfektes“, das im Schrank liegt.

1.3 Klare Aufgabenverteilung im Praxisteam

Ziel: Zeit sparen und Qualität sichern

Bewährt haben sich:

  • Arzt:
    • Diagnosestellung
    • Therapieentscheidung
    • Verlaufskontrolle
  • MFA / Wundexperte:
    • Verbandwechsel
    • Schulung des Patienten
    • Kontrolle der Kompression (Sitz, Druck, Haut)

Empfehlung:
Standardisierte Abläufe (z. B. interner Ulcus-Pfad) reduzieren Fehler und Doppelarbeit.

1.4 Regelmäßige Verlaufskontrolle

Ziel: Therapie frühzeitig anpassen

  • Wundgröße, Exsudat, Schmerzen dokumentieren
  • Erste Verlaufskontrolle nach 2–4 Wochen
  • Bei fehlender Besserung:
    • Diagnose überprüfen
    • Kompression hinterfragen
    • Facharzt einbinden (Phlebologie, Gefäßchirurgie)

2. Handlungsempfehlungen für das Pflegeheim

2.1 Kompression als festen Pflegebestandteil etablieren

Ziel: Kontinuität sichern

Im Pflegealltag wichtig:

  • Kompression täglich anlegen (nicht nur „bei Bedarf“)
  • Sitz und Haut regelmäßig kontrollieren
  • Druckstellen früh erkennen
  • Klare An- und Ausziehzeiten definieren

Praxis-Tipp:
Kompression gehört in den Pflegeplan – nicht nur in den Arztbrief.

2.2 Pflegekräfte gezielt schulen

Ziel: Sicherheit und Akzeptanz erhöhen

Schulungsschwerpunkte:

  • Warum Kompression wirkt
  • Unterschiedliche Kompressionssysteme
  • Warnzeichen (Schmerzen, Taubheit, Blässe)
  • Umgang mit ablehnenden Patienten

Effekt:
Geschulte Pflegekräfte erkennen Probleme früher und tragen entscheidend zum Therapieerfolg bei.

2.3 Patienten aktiv einbinden

Ziel: Therapietreue verbessern

Empfehlungen:

  • Kurz und verständlich erklären:
    • Warum Kompression notwendig ist
    • Warum sie täglich getragen werden muss
  • Fortschritte sichtbar machen (z. B. Wundfotos, Messungen)
  • Beschwerden ernst nehmen, statt Therapie abzubrechen

Merksatz:
Verständnis fördert Mitarbeit – auch bei chronischen Wunden.

2.4 Enge Abstimmung mit der Hausarztpraxis

Ziel: Brüche in der Versorgung vermeiden

  • Feste Ansprechpartner in der Praxis
  • Klare Rückmeldungen bei:
    • fehlender Heilung
    • Schmerzen unter Kompression
    • Problemen mit dem Hilfsmittel
  • Gemeinsame Entscheidungen bei Therapieanpassungen

3. Übergreifende Erfolgsfaktoren

✔ Kausale Therapie statt reiner Wundversorgung
✔ Früher Beginn und konsequente Durchführung der Kompression
✔ Strukturierte Zusammenarbeit von Arzt und Pflege
✔ Regelmäßige Schulung aller Beteiligten
✔ Klare Dokumentation und Verlaufskontrolle

Kurzfazit für den Alltag

Ulcus cruris ist kein Schicksal, sondern oft eine Frage der Struktur. Wer früh diagnostiziert, Kompression konsequent einsetzt und die Versorgung koordiniert, verbessert nicht nur die Heilungschancen, sondern entlastet langfristig Praxis, Pflege und Gesundheitssystem.

Quellen

  1. S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum“, AWMF, 2024
    https://www.awmf.org/service/awmf-aktuell/diagnostik-und-therapie-des-ulcus-cruris-venosum
  2. Ulcus Cruris Care – Versorgungsforschung, MDPI Healthcare, 2023
    https://www.mdpi.com/2227-9032/11/18/2521
  3. Cochrane Review: Compression therapy for venous leg ulcers, 2021
    https://www.cochrane.org/de/evidence/CD002303_compression-therapy-preventing-venous-leg-ulcers-returning
  4. PubMed: Wissenslücken und Schulungsbedarf bei Pflegekräften, 2016–2023
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27992143/
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36076159/
  5. Versorgungsstudien: Nutzen von Case-Management und strukturierter Betreuung
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39765979/