Im Oktober 2025 trafen sich internationale Experten verschiedener Fachrichtungen in Kuala Lumpur, Malaysia, sowohl persönlich als auch online. Das Treffen brachte Kliniker, Forscher und Verantwortliche für Gesundheitssysteme aus verschiedenen Regionen zusammen, um sich auf praxisnahe, kontextsensitive Strategien zur Prävention und Behandlung von diabetesbedingten Fußerkrankungen in Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen zu konzentrieren.

Chronische Wunden – insbesondere das diabetische Fußsyndrom – gehören zu den größten Herausforderungen im klinischen Alltag. Sie sind teuer, komplex und für Patienten oft lebensverändernd. Und trotzdem scheitert die Versorgung häufig nicht an fehlendem Wissen, sondern an der Umsetzung. Genau hier setzt das aktuelle, vor dem Hintergrund des Treffens in Kuala Lumpur entstandene D-FOOT-Konsensuspapier von Wounds International an: Es liefert keine Theorie – sondern konkrete Hebel für bessere Versorgung.

Das eigentliche Problem: Nicht die Wunde, sondern das System

Die zentrale Erkenntnis des Konsensus war, dass schlechte Outcomes selten durch einen einzelnen Fehler entstehen. Sie entstehen zumeist durch Versorgungsbrüche. Typische Beispiele aus dem Alltag sind:

  • verspätete Diagnostik
  • fehlende interdisziplinäre Abstimmung
  • inkonsistente Therapieentscheidungen
  • mangelnde Patienteneinbindung

Im Ergebnis kommt es zu verzögerter Heilung, Infektionen, Amputationen – und zu unnötigen Kosten [1]. Dabei ist längst klar: Chronische Wunden nehmen weltweit zu und stellen eine erhebliche Belastung für Patienten und Gesundheitssysteme dar [2].

Früh erkennen statt spät reagieren

Ein entscheidender Punkt dabei ist: Timing schlägt Technologie. Das Dokument betont, dass frühes Handeln oft wichtiger ist als die Wahl des “perfekten” Verbandes.

Konkret bedeutet das:

  • Wunden früh als „nicht heilend“ erkennen
  • Risikopatienten aktiv screenen
  • sofort strukturierte Maßnahmen einleiten

Verzögerungen fördern Infektionen – und diese sind einer der Hauptgründe für chronische Verläufe [3].

Wundheilung ist Teamarbeit – oder sie scheitert

Ein wiederkehrendes Motiv im Konsensus ist die Forderung nach echter interprofessioneller Zusammenarbeit. Eine erfolgreiche Versorgung braucht enge Abstimmung zwischen Arzt, Pflege und Wundexperten, klare Verantwortlichkeiten sowie auch strukturierte Kommunikationswege.

Das ist entscheidend, weil Wundinfektionen, Durchblutungsstörungen und systemische Erkrankungen ineinandergreifen. Ohne abgestimmtes Vorgehen wird Therapie schnell fragmentiert – und damit dann auch ineffektiv [3].

Der unterschätzte Faktor: Patient und Verhalten

Ein besonders praxisrelevanter Punkt: Viele Therapien scheitern nicht an der Maßnahme – sondern an der Umsetzung durch den Patienten. Typische Probleme sind:

  • dem Patienten fehlt es an Verständnis der Erkrankung,
  • geringe Adhärenz und
  • psychosoziale Barrieren.

Der Konsensus fordert daher Patientenkommunikation als festen Bestandteil der Therapie zu betrachten.

Das bedeutet konkret:

  • verständliche Aufklärung statt Fachsprache,
  • das Setzen realistischer Therapieziele und
  • aktive Einbindung des Patienten.

Standardisierung statt Zufall

Laut Konsensus bedarf es klarer Versorgungsstrukturen. Empfohlen werden:

  • standardisierte Behandlungsprotokolle,
  • strukturierte Assessments und
  • klar definierte Behandlungspfade.

Das ist wichtig, weil die Qualität der Versorgung ohne Standards zu stark von einzelnen Personen abhängt.

Praxis-Quick-Check: 5 Fragen für den Alltag

Wenn ein diabetischer Fuß nicht heilt, sollte man sich im Team fragen:

  1. Wurde die Wunde frühzeitig als kritisch erkannt?
  2. Ist die Ursache (z. B. Ischämie, Infektion, Druck) klar adressiert?
  3. Arbeiten alle Berufsgruppen abgestimmt?
  4. Versteht der Patient die Therapie – und kann er sie umsetzen?
  5. Gibt es klare, standardisierte Abläufe?

Wenn eine dieser Fragen mit „nein“ beantwortet wird, liegt hier oft der eigentliche Hebel, der angesetzt werden kann, um die Wundheilung zu verbessern.

Gute Wundversorgung ist Organisationsleistung

Der wichtigste Perspektivwechsel aus dem D-FOOT-Konsensus:

Erfolgreiche Wundheilung ist weniger eine Frage einzelner Produkte oder Maßnahmen – sondern eine Frage der Struktur, Kommunikation und Konsequenz. Oder anders gesagt:

Nicht die Wunde ist zu komplex – sondern unser System oft zu unkoordiniert.


Quellen und Literaturhinweise

[1] Wounds International (2026) D-FOOT International Consensus Document: Diabetic Foot Care. Verfügbar unter: https://woundsinternational.com/wp-content/uploads/2026/04/SCH26_CD_DFOOT_WINT-web.pdf (abgerufen: 04/26)

[2] Nair, H.K.R. et al. (2025) Umsetzung der Wund-Balance: Ergebnisse und Empfehlungen für die Zukunft. Wounds International. Verfügbar unter: https://woundsinternational.com (abgerufen: 04/26)

[3] Dissemond, J. et al. (2021) Diagnostik und Therapie lokaler Wundinfektionen. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. Verfügbar unter: https://link.springer.com (abgerufen: 04/26)

 

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