Wundgeruch ist ein Thema, über das selten gern gesprochen wird – weder von Patienten noch von Behandlern. Dabei ist er alles andere als selten: Bis zu 76 % der Patienten mit akuten oder chronischen Wunden berichten über unangenehme Gerüche. Und trotzdem bleibt Wundgeruch in der täglichen Praxis oft ein Nebenschauplatz.
Wundgeruch: Mehr als nur ein medizinisches Detail
Wundgeruch wird definiert als ein unangenehmer Geruch, der direkt von einer Wunde ausgeht. Er kann bei akuten ebenso wie bei chronischen Wunden auftreten – mit oder ohne Infektion. Ein Geruch bedeutet dabei nicht automatisch eine Komplikation oder Verschlechterung. In bestimmten Heilungsphasen kann er sogar physiologisch sein.
Für Patienten macht diese Unterscheidung allerdings kaum einen Unterschied. Selbst ein klinisch „milder“ Geruch kann massiv belasten. Scham, sozialer Rückzug, Angst, Übelkeit und ein sinkendes Selbstwertgefühl sind häufige Folgen. Nicht selten leidet auch das Vertrauen in die Behandlung, wenn der Eindruck entsteht, dass „niemand etwas dagegen tut“.
Warum Gerüche emotional so stark wirken
Geruch ist hochgradig subjektiv – und extrem wirkmächtig. Unsere Nase kann selbst kleinste Mengen flüchtiger organischer Verbindungen wahrnehmen. Das olfaktorische System ist direkt mit Hirnarealen verbunden, die für Emotionen und Erinnerungen zuständig sind. Deshalb lösen Gerüche oft spontane Reaktionen wie Ekel oder Angst aus, ohne dass wir sie rational einordnen können.
Hinzu kommt die soziale Dimension: Gerüche werden mit Sauberkeit, Krankheit oder Vernachlässigung assoziiert. Patienten mit Wundgeruch fürchten, als „unrein“ wahrgenommen zu werden. Dieses Stigma führt dazu, dass viele Betroffene nicht offen über ihre Sorgen sprechen.
Die mikrobiologischen Ursachen von Wundgeruch
Die meisten Wunden sind mikrobiell besiedelt, auch ohne Infektion. Besonders chronische Wunden weisen häufig komplexe Mischpopulationen aus aeroben und anaeroben Bakterien auf.
Was genau riecht da eigentlich?
Beim Abbau von Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten entstehen flüchtige organische Verbindungen (VOC). Dazu zählen:
- schwefelhaltige Verbindungen
- Fettsäuren
- Amine wie Putrescin und Cadaverin
Diese Stoffe sind für den typischen, oft stechenden oder fauligen Geruch verantwortlich. Intensität und Geruchscharakter hängen von der Keimzusammensetzung, der Sauerstoffverfügbarkeit und dem Wundmilieu ab.
Biofilme: Geruch mit Langzeitwirkung
Rund 80 % aller chronischen Wunden enthalten Biofilme. Diese schützen Mikroorganismen vor Immunabwehr und Therapie und sorgen für eine kontinuierliche VOC-Produktion. Das erklärt, warum Gerüche trotz Reinigung und Verbandswechsel persistieren können.
Nekrose und maligne Wunden
Abgestorbenes Gewebe bietet ideale Bedingungen für anaerobe Bakterien. Auch maligne fungierende Wunden sind häufig stark riechend – bedingt durch Gewebezerfall, Sauerstoffmangel und hohe bakterielle Aktivität. Hier steht das Geruchsmanagement klar im Zeichen der Lebensqualität.
Psychosoziale Belastung: Ein Problem für alle Beteiligten
Wundgeruch ist nach Schmerzen das zweitbelastendste Symptom bei Wunden.
Für Patienten bedeutet das häufig:
- Verlegenheit und Stress
- sozialer Rückzug
- Angst und geringes Selbstwertgefühl
- Übelkeit, Appetitverlust
- eingeschränkte Arbeitsfähigkeit
- Vertrauensverlust in die Behandlung
Für Angehörige und Pflegepersonen:
- Distanz im Umgang
- Ekel oder Unsicherheit
- Sorge um Hygiene
- emotionale Überforderung
Für Behandler:
- schwierige Beurteilung
- wenige validierte Instrumente
- Umgang mit eigenen Reaktionen
- therapeutische Unsicherheit
Warum die Beurteilung so schwierig ist
Es gibt kein etabliertes Standardinstrument zur routinemäßigen Geruchsbeurteilung. Nur etwa 12 % der Fachkräfte bewerten Wundgeruch regelmäßig, formale Skalen nutzen sogar weniger als 5 %.
Hinzu kommen:
- unterschiedliche Geruchswahrnehmung von Patienten und Ärzten
- Einfluss von Raumklima und Lüftung
- Gewöhnungseffekte beim Personal
Patienten nehmen Gerüche meist früher und intensiver wahr – ein Punkt, der in der Praxis oft unterschätzt wird.
Bewältigungsstrategien der Patienten: Viel Aufwand, wenig Wirkung
Viele Betroffene versuchen, den Geruch zu überdecken statt ihn anzusprechen:
- häufiges Wechseln von Kleidung und Bettwäsche
- Parfüm, Raumsprays, Räucherstäbchen
- übermäßige Reinigung
- ständiges Lüften
Diese Strategien lindern kurzfristig, verzögern aber oft eine gezielte Behandlung und verstärken das Gefühl von Hilflosigkeit.
Effektives Geruchsmanagement: Zwei Ziele, ein Ansatz
Eine erfolgreiche Behandlung verfolgt immer zwei zentrale Ziele:
- Ursachen erkennen und behandeln
- Komfort, Würde und Lebensqualität sichern
Nicht jede Ursache ist vollständig therapierbar. Gerade bei malignen oder chronischen Wunden rückt deshalb die Symptomkontrolle in den Vordergrund.
Personenzentrierte Kommunikation: Der Schlüssel
Der Umgang mit Wundgeruch beginnt nicht beim Verband, sondern beim Gespräch. Einfache, offene Fragen wie „Haben Sie Veränderungen im Geruch der Wunde bemerkt?“ normalisieren das Thema und senken die Hemmschwelle.
Wichtig ist:
- die Wahrnehmung des Patienten ernst nehmen
- Optionen transparent erklären
- gemeinsam Entscheidungen treffen
- auch emotionale Unterstützung anbieten
Das stärkt Vertrauen – und verbessert die Beurteilung.
Aktivkohle: Bewährt in der Geruchsneutralisierung
Aktivkohle besitzt eine enorme Oberfläche und kann geruchsverursachende Moleküle effektiv adsorbieren. In der Wundversorgung können Verbandsstoffe mit integrierter Aktivkohleschicht gezielt zur Geruchsneutralisierung eingesetzt werden – als Teil einer patientenzentrierten Strategie.
Kurz gesagt: Wundgeruch ernst nehmen lohnt sich
- Wundgeruch ist häufig, belastend und klinisch relevant
- Mikrobiologie, Biofilm und Nekrose sind zentrale Treiber
- Die subjektive Wahrnehmung der Patienten ist entscheidend
- Strukturierte Beurteilung und offene Kommunikation sind essenziell
- Aktivkohleverbände können wirksam zur Geruchskontrolle beitragen
Wer Wundgeruch anspricht, lindert nicht nur ein Symptom – sondern stärkt Würde, Vertrauen und Lebensqualität.
Hintergrundinformation
Dieser Beitrag basiert auf einem „Made Easy“-Workshop, der im November 2025 im Rahmen der Wounds-UK-Jahrestagung in Harrogate stattfand. Die Inhalte wurden für diesen Beitrag praxisnah aufbereitet.
Quelle: Wounds UK Journal, 27.01.2026



