Chronische Wunden sind ein zunehmendes Problem in der medizinischen Praxis und im Gesundheitswesen. Sie entstehen nicht selten als Folge komplexer Störungen des Heilungsprozesses, bei dem lokale Faktoren wie Infektionen, Druck oder Biofilme mit systemischen Bedingungen wie Diabetes oder vaskulären Erkrankungen interagieren. Eine wachsende Evidenz legt nahe, dass Herzerkrankungen eine zentrale Rolle dabei spielen, warum Wunden chronisch werden – oft unentdeckt und weit über die lokale Wundversorgung hinaus.
Warum Herzgesundheit für die Wundheilung wichtig ist
Eine Wunde heilt dann gut, wenn ausreichend Blut, Sauerstoff, Immunzellen und Nährstoffe zugeführt werden. Diese Versorgung wird zu einem großen Teil durch das Herz‑Kreislauf‑System gewährleistet. Wenn das Herz nicht optimal arbeitet, gerät dieser lebenswichtige Mechanismus ins Stocken:
- Verminderte Perfusion – ein geschwächtes Herz pumpt weniger Blut in die Peripherie, was zu Hypoxie (Sauerstoffmangel) im Gewebe führt – ein zentraler Faktor für heilungshemmende chronische Entzündungszustände.
- Ungenügende Immunzell‑Zufuhr – ohne adäquate Durchblutung können die Zellen des Immunsystems nicht effektiv in die Wunde gelangen, was Entzündungen verstetigt.
- Stagnation der Heilungsphasen – Wunden bleiben häufig in der Entzündungsphase stecken, wenn die nötigen Signale und Ressourcen fehlen; bei chronischen Wunden ist dieser geordnete Ablauf der Heilungsphasen gestört.
Kurz gesagt: Ohne eine intakte Herz‑Kreislauf‑Funktion ist die Grundlage für normale Gewebereparatur geschwächt – und dies kann selbst dann gelten, wenn lokale Wundtherapie korrekt durchgeführt wird.
Konkrete Mechanismen: Herzleistung beeinflusst Wundheilung
1. Reduziertes Herzzeitvolumen
Bei Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz ist die Menge des durch den Körper gepumpten Blutes reduziert.
➡ Dies heißt: weniger Sauerstoff und Nährstoffe erreichen die Randbereiche der Wunde. Ohne diese Bausteine stagnieren Reparaturprozesse oder laufen nur langsam ab.
2. Störungen der Gefäßfunktion
Atherosklerose, koronare Herzkrankheit oder arterielle Verschlusskrankheiten führen zu Verengungen der Gefäße, die auch die Mikroperfusion der Haut beeinträchtigen. Weniger Blutfluss bedeutet, dass weniger Immunzellen, Wachstumsfaktoren und Sauerstoff zum Wundgebiet gelangen.
3. Chronische Entzündungsreaktion
Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen sind häufig mit systemischer Entzündung verbunden. Gleichzeitig stehen chronische Wunden in einem Zustand persistierender lokaler Entzündung. Diese doppelte Belastung kann die physiologische Rückkehr zu den reparativen Phasen verzögern oder blockieren.
Bekannte Beispiele aus der Praxis
Beispiel 1: Herzinsuffizienz und Ulcus cruris
Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz zeigen häufig ausgeprägte Ödeme in den unteren Extremitäten. Diese Ödeme erhöhen den Gewebedruck und erschweren die Diffusion von Sauerstoff und Nährstoffen in das Gewebe. In der Folge verbleibt die Wunde in einem entzündlichen, nicht heilungsfördernden Zustand – trotz sachgerechter lokaler Therapie.
Beispiel 2: KHK und periphere Ischämie
Bei einer koronaren Herzkrankheit (KHK) treten nicht nur Herzsymptome auf, sondern oft auch periphere Durchblutungsstörungen. Diese beeinträchtigen die Wundheilung, weil Haut und darunterliegendes Gewebe nicht ausreichend perfundiert werden. Hier ist die Wunde ein „Symptom tiefer liegender Probleme“.
Warum lokale Wundversorgung allein oft nicht ausreicht
Chronische Wunden sind nicht nur ein Problem der Haut oder der Wundflora – sie sind ein Systemproblem. Das bedeutet:
📌 Wenn eine Wunde trotz evidenzbasierter lokaler Therapie über Wochen nicht heilt, sollte immer auch eine systemische Abklärung erfolgen.
Dazu gehört:
- Prüfung der Herzfunktion
- Evaluation von Gefäßstatus und Durchblutungsstörungen
- Untersuchung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren
Denn viele Wunden, die nicht heilen, tun dies nicht, weil die lokale Therapie unzureichend ist, sondern weil die notwendige systemische Grundlage fehlt.
Ein ganzheitlicher Ansatz: Multidisziplinär und systemisch
Moderne Wundversorgungskonzepte betonen, dass ein Behandlungserfolg nur durch die Integration systemischer Faktoren erreicht wird: Lebensstil, Ernährung, metabolische Kontrolle sowie die Herz‑Kreislauf‑Gesundheit des Patienten. Ein chronischer Verlauf einer Wunde sollte daher nicht nur als lokales Hautproblem gesehen werden, sondern als Hinweis auf mögliche tiefere Störungen – insbesondere des Herz‑Kreislauf‑Systems.
Kurz gesagt
Chronische Wunden sind mehr als „nur schlecht heilende Hautläsionen“. Sie sind ein Systemsignal, das auffordert, die gesamte physiologische Umgebung in den Blick zu nehmen – insbesondere die Herzgesundheit. Denn:
- Ein gesundes Herz ist eine Grundvoraussetzung für funktionierende Gewebeversorgung.
- Ohne ausreichende Blutzirkulation gerät der Heilungsprozess ins Stocken.
- Eine rein lokale Therapie reicht oft nicht – systemische Ursachen müssen abgeklärt und behandelt werden.
Nur dieser ganzheitliche Ansatz kann verhindern, dass eine Wunde chronisch wird – und sicherstellen, dass Heilung nachhaltig ist.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW) / Initiative Chronische Wunde (ICW): Definition und Merkmale „chronische Wunde“, 2025.
- Die chronische Wunde – Herausforderungen in der Behandlung, Ärzte Krone, 2020.
- Wounds International: How heart health contributes to wound care, 2025. (Artikel über den Einfluss der Herzgesundheit auf Wundheilung)
- Chronische Wunden und Wundbehandlung, BDC|Online (Pathophysiologie und Therapiemöglichkeiten).
- Chronische Wunden und Wundbehandlung – Definition und Heilungsverlauf, Gesundheitslexikon DocMedicus.



