Chronische Wunden sind häufig nicht nur ein lokales Hautproblem, sondern ein Signal für systemische Störungen, insbesondere des Herz-Kreislauf-Systems. Daher ist bei Wunden, die über Wochen nicht abheilen, eine umfassende kardiovaskuläre Abklärung essenziell.
Anamnese: Herzsymptome und Risikofaktoren erfassen
Zunächst sollte eine gründliche Anamnese erfolgen. Hierbei werden Herzsymptome wie Belastungsdyspnoe, Brustschmerzen, Palpitationen oder nächtliche Atemnot erfasst. Ebenso wichtig ist die Dokumentation bekannter Herzdiagnosen wie Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen oder Klappenerkrankungen. Klassische Risikofaktoren wie Hypertonie, Diabetes mellitus, Dyslipidämie, Rauchen, Adipositas und familiäre Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten systematisch erfragt werden.
Klinische Untersuchung: Vitalparameter und Ödeme
Die klinische Untersuchung umfasst die Messung der Vitalparameter einschließlich Blutdruck, Herzfrequenz, Herzrhythmus und Sauerstoffsättigung. Bei der körperlichen Untersuchung wird das Herz auskultiert, der Pulsstatus kontrolliert und auf Zeichen einer Rechtsherzinsuffizienz wie Jugularvenenstau oder Beinödeme geachtet. Ödeme an den unteren Extremitäten sollten hinsichtlich Lokalisation, Schweregrad und Hautveränderungen beurteilt werden, da sie ein wichtiges Indiz für eingeschränkte Herzleistung oder venöse Stauung darstellen.
Labor- und Bildgebung: Diagnostische Abklärung
Im Rahmen der diagnostischen Abklärung sind Laborwerte und bildgebende Verfahren von zentraler Bedeutung. Die Bestimmung von BNP oder NT-proBNP kann Hinweise auf Herzinsuffizienz liefern, während Elektrolyte, Nierenfunktion und Entzündungsparameter wie CRP und Leukozyten wichtige Zusatzinformationen geben. Ein EKG, gegebenenfalls Langzeit-EKG, sowie eine Echokardiographie zur Beurteilung der Herzleistung, Klappenfunktion und des Volumenstatus sind sinnvoll. Bei Patienten mit Ulcus cruris sollte zusätzlich eine Duplexsonographie der peripheren Gefäße erfolgen. Belastungstests oder weiterführende kardiologische Diagnostik werden bei entsprechenden Hinweisen auf eine koronare Herzkrankheit oder eingeschränkte Herzleistung durchgeführt.
Medikations-Check: Herztherapie und Wundheilung
Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Überprüfung der Herzmedikation. Betablocker, ACE-Hemmer oder ARNI, Diuretika sowie Antikoagulanzien und Antiarrhythmika sollten auf Wirkung, Verträglichkeit und mögliche Nebenwirkungen überprüft werden. Insbesondere Medikamente, die die Wundheilung verlangsamen können – wie Kortikosteroide, NSAIDs oder Immunsuppressiva – müssen berücksichtigt werden. Änderungen der Medikation sollten stets in enger Absprache mit einem Kardiologen erfolgen.
Optimierung von Risikofaktoren
Parallel sollten Risikofaktoren optimiert werden. Raucherentwöhnung, körperliche Aktivität im Rahmen der Belastbarkeit, Gewichtskontrolle sowie eine proteinreiche, mikronährstoffgerechte Ernährung unterstützen sowohl die Wundheilung als auch die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Flüssigkeits- und Volumenmanagement ist besonders bei Herzinsuffizienz entscheidend.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Ein erfolgreicher Behandlungsansatz erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit. Kardiologen optimieren Herzleistung und Medikamentenmanagement, während Wundmanager, Dermatologen oder Chirurgen die lokale Wundversorgung, Debridement und Infektionskontrolle übernehmen. Physiotherapeuten und Pflegekräfte unterstützen durch Mobilisation, Ödemmanagement und Druckentlastung.
Dokumentation und Verlaufskontrolle
Abschließend ist eine detaillierte Dokumentation und Verlaufskontrolle unerlässlich. Neben Wundgröße, Tiefe, Exsudat und Randveränderungen sollten Herzparameter, Ödeme und Therapieänderungen regelmäßig protokolliert werden. Eine Reevaluation der Herzfunktion sollte bei nicht heilenden Wunden alle vier bis sechs Wochen erfolgen, um den Therapieerfolg und die Heilungschancen systematisch zu überwachen.
Checkliste kardiovaskuläre Abklärung
| Schritt | Aktion / Punkt | Ziel / Hinweis |
|---|---|---|
| Anamnese | Herzsymptome, bekannte Herzdiagnosen, Risikofaktoren | Hinweise auf Herzinsuffizienz, KHK, Rhythmusstörungen |
| Klinische Untersuchung | Vitalzeichen, Herz- und Gefäßstatus, Ödeme | Bewertung Perfusion, Volumenstatus, Entzündungsrisiko |
| Labor / Zusatzdiagnostik | BNP/NT-proBNP, Elektrolyte, Nierenwerte, EKG, Echo, Gefäßsonographie | Erkennen von Herzleistungseinschränkungen und Durchblutungsstörungen |
| Medikations-Check | Herzmedikation erfassen, Wechselwirkungen prüfen | Optimierung von Herzleistung und Wundheilung, Nebenwirkungen minimieren |
| Risikofaktoren optimieren | Raucherentwöhnung, Ernährung, Bewegung, Volumenmanagement | Verbesserung der systemischen Heilungsbasis |
| Interdisziplinäre Zusammenarbeit | Kardiologie, Wundmanagement, Pflege, Physiotherapie | Ganzheitliche Versorgung, Behandlung systemischer Ursachen |
| Dokumentation & Verlauf | Wundparameter, Herzparameter, Therapieänderungen | Verlaufskontrolle, Anpassung der Therapie |
Chronische Wunden können nur erfolgreich behandelt werden, wenn die Herz-Kreislauf-Gesundheit berücksichtigt wird. Lokale Wundtherapie allein reicht oft nicht aus. Eine umfassende kardiovaskuläre Abklärung, Optimierung der Herzfunktion, interdisziplinäre Zusammenarbeit und systematische Dokumentation sind entscheidend, um die Heilungschancen zu maximieren.
Quellenangaben
- Wounds International – How heart health contributes to wound care, 2025.
https://woundsinternational.com/journal-articles/how-heart-health-contributes-to-wound-care/Hauptquelle für den
→ Zusammenhang zwischen Herzgesundheit und chronischer Wundheilung. - Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW) / Initiative Chronische Wunde (ICW) – Definition und Merkmale „chronische Wunde“, 2025.
https://www.gpe-bw.de/fileadmin/user_upload/Fachaerztegruppen/Wundleitfaden/20250812_V04_Wundleitfaden.pdf
→ Praxisorientierte Definition und Merkmale chronischer Wunden; Grundlagen für die Checkliste. - Ärzte Krone / MedMedia – Die chronische Wunde – Herausforderungen in der Behandlung, 2020.https://www.medmedia.at/aerzte-krone/die-chronische-wunde-herausforderungen-in-der-behandlung/
→ Praxisrelevante Beispiele, Wundmanagement, Rolle systemischer Faktoren. - DocCheck / BDC Online – Chronische Wunden und Wundbehandlung – Pathophysiologie und Therapiemöglichkeiten, 2021.https://www.bdc.de/wenn-wunden-nicht-heilen-pathophysiologie-und-therapiemoeglichkeiten-chronischer-wunden/
→ Grundlage für die klinischen Untersuchungspunkte, Labor-Checks und medikamentöse Aspekte. - Gesundheitslexikon DocMedicus – Chronische Wunden: Definition und Heilungsverlauf.
https://www.gesundheits-lexikon.com/Haut-Haare-Naegel/Chronische-Wunde/Einleitung
→ Ergänzende Quelle für Definition und klinische Relevanz chronischer Wunden.



