Ein Update
Die Wundheilung ist ein hochkomplexer, fein abgestimmter Prozess, der von entzündlichen Reaktionen, Zellproliferation und Gewebeneubildung abhängt. Zahlreiche Medikamente können diesen Ablauf beeinträchtigen, was zu verzögerter Heilung, erhöhter Infektionsanfälligkeit oder ungünstiger Narbenbildung führt. Für Arzt, Pflegefachkraft und Wundexperte ist es daher entscheidend, die Wirkmechanismen dieser Substanzen zu kennen und potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen.
Glukokortikoid: Entzündungshemmer mit Nebenwirkung auf die Heilung
Glukokortikoid ist wohl das bekannteste Medikament, das die Wundheilung negativ beeinflusst. Durch seine entzündungshemmende Wirkung reduziert es die Aktivität von Fibroblast und die Kollagensynthese, verzögert die Epithelisierung und erhöht die Anfälligkeit für Infektionen. Besonders bei postoperativen Wunden oder chronischen Ulzera kann dies zu deutlichen Verzögerungen führen.
Beispiele: Prednisolon, Dexamethason, Hydrocortison
Nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR/NSAIDs): Schmerzmittel mit Heilungsverzögerung
Nichtsteroidale Antirheumatika hemmen die Bildung von Prostaglandin. Dies verringert zwar Entzündung und Schmerz, gleichzeitig werden jedoch Fibroblastenaktivität und Granulationsgewebebildung eingeschränkt. Bei größeren Operationen oder Knochenheilungen kann dies die Regeneration verzögern.
Beispiele: Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen
Zytostatikum: Zellteilung gehemmt – Heilung verzögert
Zytostatika wirken stark auf die Zellteilung, betrifft aber nicht nur Tumorzellen, sondern auch Fibroblast, Endothelzellen und Epithelzellen. Patient unter Zytostatikum benötigen daher ein engmaschiges Wundmonitoring und gegebenenfalls Anpassungen im Wundmanagement.
Beispiele: Methotrexat, Cyclophosphamid, Doxorubicin
Zytokine / Biologika: Gezielte Blockade der Entzündung
Zytokine, insbesondere TNF-alpha-Inhibitoren, werden zur Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen eingesetzt. Durch die Blockade dieser Botenstoffe wird die frühe Entzündungsphase der Wundheilung reduziert, was die Granulationsphase und Epithelisierung verzögern kann. Die Zellmigration und die Neubildung von Gewebe werden dadurch abgeschwächt, wodurch Heilungsprozesse insbesondere bei chronischen Wunden langsamer verlaufen.
Beispiele: TNF-α-Inhibitoren (Adalimumab, Infliximab)
Immunsuppressivum: Unterdrückung der Entzündung
Immunsuppressiva unterdrücken entzündliche Prozesse, wodurch die Granulationsgewebebildung verzögert werden kann. Besonders bei chronischen Wunden ist dies relevant.
Beispiele: Ciclosporin, Tacrolimus, Azathioprin
Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer: Blutungsrisiko beachten
Antikoagulanzum und Thrombozytenaggregationshemmer erhöhen das Blutungsrisiko in der Wunde. Obwohl sie die zellulären Heilungsmechanismen weniger direkt stören, kann eine verlängerte Blutung die Wundränder auseinander drücken, Infektionen begünstigen und die Epithelisierung verzögern.
Beispiele: Warfarin, Heparin, Clopidogrel
Weitere Medikamente: Indirekte Effekte auf die Wundheilung
Einige Antibiotika wie Fluorchinolon beeinflussen die Kollagensynthese und Fibroblastenfunktion, was besonders die Knochenheilung beeinträchtigen kann.
Langzeitdiuretika oder Betablocker können die Durchblutung mindern, was die Sauerstoffversorgung des verletzten Gewebes reduziert und damit die Heilung verlangsamt.
Medikamente wie z. B. Protonenpumpenhemmer können zu einem Vitamin- oder Mineralstoffmangel führen, z. B. zu einem Vitamin-B12-Mangel, was ebenfalls die Wundheilung beeinträchtigen kann.
| Medikament | Wirkung auf die Wundheilung | Betroffene Phase |
|---|---|---|
| Glukokortikoid | Hemmt Entzündung, Fibroblast und Kollagensynthese | Granulationsphase & Epithelisierung |
| Nichtsteroidisches Antirheumatikum | Hemmt Prostaglandine → reduzierte Zellproliferation | Proliferationsphase |
| Zytostatikum | Hemmt Zellteilung und Matrixproduktion | Alle Phasen |
| Immunsuppressivum / Biologikum | Unterdrückt Entzündungsmediatoren, verlangsamt T‑Zell-Funktion | Entzündungs- & Proliferationsphase |
| Antikoagulanzum / Thrombozytenaggregationshemmer | Erhöht Blutungsrisiko → Hämatome | Primär Hämostase & später indirekt Heilung |
| Fluorchinolon | Beeinträchtigt Kollagensynthese (v. a. Knochenheilung) | Proliferationsphase |
| Langzeitdiuretikum / Betablocker | Reduzierte Perfusion → Hypoxie im Gewebe | Alle Phasen (indirekt) |
Hinweise für die klinische Praxis
Vor operativen Eingriffen bei Patienten mit chronischen oder langsam heilenden Wunden sollte die Medikationsliste sorgfältig überprüft werden. In interdisziplinärer Abstimmung zwischen Arzt, Pflegefachkraft und Wundexperte können Risiken minimiert und Therapien gezielt angepasst werden. Ergänzende Maßnahmen wie ausgewogene Ernährung, ausreichende Proteinzufuhr sowie Raucherentwöhnung und Reduktion von Alkohol unterstützen die Wundheilung zusätzlich.
Die Kenntnis der medikamentösen Einflüsse auf die Wundheilung ermöglicht es, präventiv zu handeln, Therapien anzupassen und Heilungsprozesse aktiv zu unterstützen. Für Fachpersonal ist dies ein zentraler Baustein, um die Lebensqualität des Patienten zu sichern und Komplikationen zu vermeiden.
Quellen
- Franz et al., Factors Affecting Wound Healing – PMC: Überblick über medikamentöse Einflüsse auf Zellantworten und Heilungsprozesse. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov)
- Effects of Steroids and Retinoids on Wound Healing, JAMA Surgery: Evidenz zur hemmenden Wirkung von Glukokortikoid auf Entzündungsreaktion und Kollagenbildung. (jamanetwork.com)
- Top Ten Tips: Medications that Slow Wound Healing, Wounds International: Negative Effekte von NSAID und Immunsuppressiva auf Heilungsprozesse. (woundsinternational.com)
- The Effect of Oral Medication on Wound Healing, Advances in Skin & Wound Care: Einfluss von Chemotherapeutika und Immunsuppressiva auf Wundheilung. (journals.lww.com)
- MSD Manuals – Faktoren, die die Wundheilung beeinträchtigen: Übersicht über medikamentöse und systemische Einflussfaktoren. (msdmanuals.com)
- Wundnetz‑Kiel.de – Medikamente und andere Stoffe, die die Wundheilung verlangsamen: Immunsuppressiva und Biologika. (wundnetz-kiel.de)
- Tyrosur.de – Überblick über Risikofaktoren für schlechte Wundheilung inklusive medikamentöser Einflüsse. (tyrosur.de)



