Chronische Wunden stellen in Deutschland eine zunehmende gesundheitliche Herausforderung dar. Schätzungen zufolge leiden bereits ein bis zwei Millionen Menschen an Wunden, deren Heilungsverlauf verzögert ist oder ausbleibt. Besonders betroffen sind ältere und multimorbide Patienten. Faktoren wie Diabetes, Durchblutungsstörungen oder Druckbelastungen verhindern häufig eine normale Wundheilung, sodass Wunden in einem persistierenden Entzündungs- oder Reparaturstadium verharren. Bakterielle Besiedelung kann diesen Prozess zusätzlich verzögern.
Pseudomonas aeruginosa: Biofilm als Heilungshindernis
Problematisch für die Wundheilung ist insbesondere der Keim Pseudomonas aeruginosa. Dieser bildet Biofilme, die als Schutzbarriere fungieren und sowohl Immunzellen als auch Antibiotika oder Antiseptika am Zugriff hindern. Innerhalb des Biofilms setzt Pseudomonas kontinuierlich entzündungsfördernde Substanzen und Toxine frei, wodurch die Wunde in einer persistierenden Entzündungsphase verbleibt. Zudem produzieren die Bakterien Enzyme und Proteasen, die Gewebe abbauen und Zellen der Wundheilung schädigen.
Klinische Fallbeobachtung: Probiotische Therapie ergänzt Standardversorgung
Ein Team der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Würzburg untersuchte einen ergänzenden Therapieansatz mit probiotischen Milchsäurebakterien. In einer Fallbeobachtung wurden zwei ältere Patienten mit lang bestehenden, infizierten Wunden zusätzlich zur Standardversorgung täglich mit einem Lactobacillus-haltigen Pulver behandelt.
Die Ergebnisse waren vielversprechend:
- Bereits nach wenigen Tagen zeigten sich deutliche Verbesserungen von Wundgeruch und Belag.
- Nach ein bis zwei Wochen bildete sich neues, gesundes Gewebe.
- Kontrollabstriche ergaben keinen Nachweis von Pseudomonas aeruginosa mehr.
- Die Behandlung wurde gut vertragen, relevante Nebenwirkungen traten nicht auf.
Ähnliche Effekte wurden bei weiteren Patienten beobachtet.
Mechanismen der probiotischen Wirkung
Die Milchsäurebakterien wirken auf mehreren Ebenen:
- Biofilmstörung: Lactobazillen schwächen die Biofilme der Pseudomonas-Bakterien und stören deren Kommunikation.
- Reduktion von Entzündungen: Entzündungsfördernde Prozesse werden vermindert.
- Stimulation der Wundheilung: Signalstoffe wie Interleukin-6 aktivieren Keratinozyten und Fibroblasten, die für die Regeneration von Haut und Bindegewebe wichtig sind.
- Postbiotische Effekte: Stoffwechselprodukte der Bakterien reduzieren die Anzahl pathogener Keime und fördern die Heilung, wie Untersuchungen an Mausmodellen zeigen.
Dr. Tassilo Dege, Erstautor der Fallbeobachtung, erläutert: „Milchsäurebakterien können schädliche Bakterien wie Pseudomonas aeruginosa schwächen, Biofilme stören, Entzündungen reduzieren und die Zellen der Wundheilung aktivieren.“
Prof. Dr. Astrid Schmieder weist darauf hin, dass Probiotika eine einfache und gut verträgliche Ergänzung zur Behandlung chronischer Wunden darstellen könnten, ohne das Risiko von Antibiotikaresistenzen zu erhöhen. Gleichzeitig mahnt sie zur ärztlichen Überwachung, da lebende Probiotika theoretisch Risiken bergen können. Weitere Studien sind geplant, um diesen Ansatz systematisch zu prüfen.
Behandlung der beiden Patienten im Detail
- Patient 1: Pyoderma gangraenosum, Wundbesiedelung mit Pseudomonas aeruginosa
- Patient 2: Venöses Beingeschwür, ebenfalls mit Pseudomonas besiedelt
Beide Wunden wurden wie folgt versorgt:
- Tägliche Wundreinigung mit steriler Kochsalzlösung (NaCl).
- Abdeckung mit einer nicht haftenden Wundauflage (Adaptic).
- Im Fall des venösen Beingeschwürs: mehrschichtige Kompression.
- Ergänzende tägliche Applikation des probiotischen Präparats Vagisan (Lactobacillus gasseri und Lacticaseibacillus rhamnosus in hoher Keimzahl).
Fazit für die Praxis
Die Anwendung von probiotischen Milchsäurebakterien bietet einen innovativen Ansatz bei chronischen Wunden, die mit Pseudomonas aeruginosa besiedelt sind. Sie könnte eine wertvolle Ergänzung zur Standardtherapie darstellen, indem sie:
- die Biofilmbildung stört,
- Entzündungen reduziert,
- die Wundheilung aktiv unterstützt,
- und gleichzeitig das Risiko für Resistenzen minimiert.
Ärztliche Überwachung bleibt entscheidend, aber diese Therapieoption eröffnet neue Perspektiven in der Behandlung hartnäckiger Wunden.
Quelle: pi Uniklinikum Würzburg, 26.01.2026
Publikation:
Tassilo Dege, Andreas Kerstan, Matthias Goebeler, Astrid Schmieder. Clinical pearl: Topical Lactobacillus application to disrupt Pseudomonas aeruginosa biofilms and promote healing in chronic wounds, Journal of the American Academy of Dermatology, 2025, ISSN 0190-9622, https://doi.org/10.1016/j.jaad.2025.12.071.



