Chronische Wunden stellen eine wachsende Herausforderung für Gesundheitssysteme dar. Sie treten häufig im Kontext von Diabetes mellitus Typ 2, chronisch venösen oder arteriellen Durchblutungsstörungen sowie Immobilität auf. Charakteristisch sind persistierende Heilungsstörungen, Rezidivneigung und eine hohe Pflegeintensität.

Mit der zunehmenden Verlagerung der Versorgung in den häuslichen Bereich rückt das informelle Versorgungssystem stärker in den Fokus. Pflegende Angehörige übernehmen hierbei nicht nur unterstützende, sondern systemrelevante Funktionen zur Sicherstellung der Versorgungskontinuität.

Leitlinien betonen die Notwendigkeit eines strukturierten, interprofessionellen Wundmanagements unter Einbezug des sozialen Umfelds [1,5].

Versorgungsrealität: Chronische Wunden im häuslichen Kontext

Die ambulante Versorgung chronischer Wunden ist durch intermittierende professionelle Kontakte und eine hohe Eigenverantwortung im häuslichen Umfeld gekennzeichnet. Zwischen den Einsätzen von Pflegefachpersonen entstehen Versorgungsintervalle, die durch Angehörige überbrückt werden.

Typische Versorgungssituationen umfassen z.B.:

  • Ulcus cruris venosum mit regelmäßiger Kompressionstherapie
  • Dekubitus bei immobilen Patienten
  • Diabetisches Fußsyndrom mit komplexer Wundversorgung

In diesen Konstellationen übernehmen Angehörige häufig Aufgaben der Beobachtung, Durchführung delegierter Maßnahmen und Organisation der Versorgung.

Der DNQP-Expertenstandard zur Pflege von Menschen mit chronischen Wunden beschreibt explizit die Förderung von Selbstmanagementkompetenzen und die Einbindung des sozialen Umfelds als Qualitätskriterium [1].

Funktion pflegender Angehöriger im Wundmanagement

Pflegende Angehörige agieren im Spannungsfeld zwischen Laienrolle und funktionaler Teilintegration in die Versorgungsstruktur. Ihre Aufgaben lassen sich in drei Funktionsbereiche gliedern:

1. Unterstützung der Wundversorgung

  • Durchführung einfacher Verbandwechsel nach Anleitung
  • Bereitstellung und Organisation von Verbandmaterialien
  • Unterstützung bei Hygienemaßnahmen

2. Beobachtungs- und Monitoringfunktion

  • Erkennung von Infektionszeichen (Erythem, Überwärmung, Exsudatveränderung)
  • Dokumentation von Verlauf und Auffälligkeiten
  • Rückmeldung an professionelle Versorger

3. Präventive Maßnahmen

  • Druckentlastung und Lagerungsunterstützung
  • Hautschutzmaßnahmen im Wundumfeld
  • Unterstützung der Mobilisation

Die S3-Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden betont die Bedeutung strukturierter Versorgungsprozesse und klar definierter Verantwortlichkeiten innerhalb interprofessioneller Teams [5].

Delegation und Versorgungssicherheit

Die Einbindung pflegender Angehöriger ist nicht gleichbedeutend mit einer Übertragung medizinischer Verantwortung. Vielmehr handelt es sich um eine delegationsbasierte Erweiterung der Versorgungsstruktur.

Rechtlich und organisatorisch erfolgt die Delegation im Rahmen der häuslichen Krankenpflege nach ärztlicher Verordnung und pflegerischer Einschätzung [2]. Dabei gilt:

  • Verantwortung für Indikation und Therapieplanung verbleibt bei Ärzten und Pflegefachpersonen
  • Angehörige handeln ausschließlich im Rahmen angeleiteter Tätigkeiten
  • Die Übernahme erfolgt situativ und ressourcenabhängig

Versorgungssicherheit ist dabei unmittelbar an die Qualität der Anleitung gekoppelt.

Schulung als zentrale Interventionsstrategie

Die Evidenzlage sowie Expertenstandards unterstreichen die Bedeutung strukturierter Anleitungskonzepte für nicht-professionelle Versorger [1]. Schulungsinhalte sollten dabei insbesondere Folgendes umfassen:

  • Hygiene- und Infektionsprävention
  • Verbandtechnik und Materialhandling
  • Wundbeobachtung und Frühwarnzeichen
  • Kompressionstherapie (falls indiziert)
  • Dekubitusprophylaxe und Lagerungstechniken

Besonders wirksam sind praxisnahe Formate mit Demonstration, Supervision und standardisierten Handlungsalgorithmen.

Unzureichende Schulung wird in der Literatur mit erhöhten Komplikationsraten, unsicherer Versorgung und Therapieinkonsistenz assoziiert.

Belastung pflegender Angehöriger als Versorgungsdeterminante

Die Versorgung chronischer Wunden ist mit erheblichen physischen, psychischen und organisatorischen Belastungen für Angehörige verbunden. Relevante Belastungsfaktoren sind:

  • Langwierige und rezidivierende Krankheitsverläufe
  • Konfrontation mit Wundexsudat, Geruch und Schmerzen
  • Unsicherheit im Umgang mit medizinischen Maßnahmen
  • Zeitliche und soziale Einschränkungen

Die systematische Erfassung und Berücksichtigung dieser Belastung ist versorgungsrelevant, da Überforderung mit einem erhöhten Risiko für Versorgungsabbrüche und Qualitätsdefizite einhergeht [11].

Interprofessionelle Versorgungsmodelle und Schnittstellenprobleme

Die Versorgung chronischer Wunden erfordert ein abgestimmtes Zusammenwirken von Ärzten, Pflegefachpersonen, spezialisierten Wundexperten und Angehörigen.

In der Praxis zeigen sich jedoch häufig strukturelle Brüche:

  • inkonsistente Therapieanweisungen
  • fehlende Standardisierung von Verbandsregimen
  • unklare Kommunikationswege
  • heterogene Schulungsqualität

Diese Faktoren können zu verzögerter Wundheilung und erhöhter Komplikationsrate beitragen.

Leitlinien fordern daher explizit strukturierte, interprofessionelle Versorgungskonzepte mit klar definierten Verantwortlichkeiten [5,8].

Perspektiven: Digitalisierung und erweiterte Versorgungsmodelle

Digitale Anwendungen in der Wunddokumentation und telemedizinische Konsultationsmodelle eröffnen neue Möglichkeiten der Integration pflegender Angehöriger in die Versorgungskette. Insbesondere die kontinuierliche Fotodokumentation und strukturierte Verlaufsberichte können die Kommunikation zwischen häuslichem Umfeld und professionellen Versorgern verbessern [12].

Damit verschiebt sich die Rolle der Angehörigen zunehmend in Richtung eines aktiv eingebundenen Beobachters innerhalb digital unterstützter Versorgungssysteme.

Kurz gesagt

Pflegende Angehörige stellen eine zentrale, jedoch häufig unzureichend strukturierte Ressource in der Versorgung chronischer Wunden dar. Ihre Einbindung ist essenziell für die Sicherstellung der Versorgungskontinuität im ambulanten Bereich, birgt jedoch ohne adäquate Schulung und klare Delegationsstrukturen erhebliche Risiken.

Für eine qualitativ hochwertige Wundversorgung sind daher erforderlich:

  • strukturierte Schulungs- und Anleitungskonzepte
  • klare Abgrenzung delegierter Tätigkeiten
  • systematische Berücksichtigung der Angehörigenbelastung
  • konsequente interprofessionelle Zusammenarbeit

Die Optimierung dieser Schnittstelle stellt einen entscheidenden Hebel zur Verbesserung der Versorgung chronischer Wunden dar.


Quellen

[1] Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2021). Expertenstandard Pflege von Menschen mit chronischen Wunden. Osnabrück: DNQP.

[2] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) (2022). Richtlinie über die Verordnung häuslicher Krankenpflege (HKP-Richtlinie). Berlin: G-BA.

[3] World Health Organization (WHO) (2022). Chronic wound care and ageing populations: global burden overview. Geneva: WHO.

[5] Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW) (2023). S3-Leitlinie Lokaltherapie chronischer Wunden. AWMF Register 091-001.

[8] European Wound Management Association (EWMA) (2022). Patient involvement in wound care: consensus document. London: EWMA.

[9] Dissemond J. et al. (2022). Wound treatment without curative intention. Dermatologie, Springer Nature.

[11] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2019). Leitlinie: Pflegende Angehörige von Erwachsenen. AWMF Register 053-006.

[12] European Wound Management Association (EWMA) (2025). Digital technologies in wound care: position document. EWMA.

 

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