Die meisten chronischen Wunden lassen sich relativ schnell einordnen: venöses Ulcus, diabetisches Fußulkus oder Druckverletzung. Entsprechend routiniert verlaufen Diagnostik und Therapie. Doch manchmal passt eine Wunde nicht ins gewohnte Muster.

Sie liegt an einer ungewöhnlichen Stelle.
Sie heilt trotz leitliniengerechter Therapie nicht.
Oder sie verschlechtert sich sogar nach einem eigentlich sinnvollen Debridement.

In solchen Situationen lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und die zentrale Frage zu stellen: Handelt es sich überhaupt um eine „klassische“ chronische Wunde?

Atypische Wunden sind selten, werden aber in der klinischen Praxis regelmäßig übersehen oder zu spät erkannt. Dahinter können Autoimmunerkrankungen, genetische Erkrankungen, Vaskulitiden, metabolische Störungen oder sogar maligne Tumoren stehen. Wird die zugrunde liegende Ursache nicht erkannt, bleibt auch die lokale Wundtherapie erfolglos.

Gerade für Ärzte, Pflegekräfte und Wundexperten ist deshalb ein geschulter Blick entscheidend. Bestimmte klinische Hinweise können früh darauf aufmerksam machen, dass eine Wunde nicht in das gewohnte diagnostische Schema passt.

Die folgenden zehn praxisrelevanten Hinweise helfen dabei, atypische Wunden früher zu erkennen und unnötige oder sogar schädliche Therapien zu vermeiden.

 1. Die Lokalisation ist der erste Warnhinweis

Chronische Wunden folgen meist klaren anatomischen Mustern:

  • venöse Ulzera am Unterschenkel
  • diabetische Ulzera an Druckpunkten des Fußes
  • Dekubitalulzera an typischen Druckstellen

Taucht eine Wunde außerhalb dieser klassischen Lokalisationen auf, sollte frühzeitig an atypische Ursachen gedacht werden. Häufig liegen dann autoimmune, entzündliche, genetische oder maligne Erkrankungen zugrunde.

2. Blasenbildung kann auf eine Autoimmunerkrankung hinweisen

Ein Beispiel ist Bullöses Pemphigoid, eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper gegen Bestandteile der dermoepidermalen Verbindung gebildet werden.

Typisch sind zunächst juckende Hautveränderungen, die sich innerhalb von Wochen zu Blasen entwickeln – häufig an Rumpf, Oberschenkeln oder Beugeseiten der Arme. Die Erkrankung tritt vor allem bei älteren Patienten auf.

3. Verhärtete Haut kann mehr sein als ein lokales Hautproblem

Bei Sklerodermie kommt es zu einer systemischen Fibrosierung der Haut und zu Gefäßveränderungen.

Mögliche Hinweise:

  • Hautverhärtung
  • Raynaud-Symptomatik
  • Hautverfärbungen
  • Juckreiz

Wunden entstehen hier oft aufgrund mikroangiopathischer Durchblutungsstörungen.

4. Fragile Haut mit Blasen nach minimalem Trauma

Epidermolysis bullosa ist eine genetische Erkrankung mit strukturellen Defekten an der dermoepidermalen Verbindung. Bereits geringe mechanische Belastungen können Blasen, Erosionen und chronische Ulzerationen verursachen.

Langfristig kann das Risiko für Hauttumoren erhöht sein.

5. Chronische Ulzera bei Sichelzellanämie

Bei Patienten mit Sichelzellerkrankung können schmerzhafte Ulzera entstehen, meist im Bereich der Knöchel.

Ursache ist eine Durchblutungsstörung durch sichelförmig verformte Erythrozyten, die Gefäße verstopfen und zu ischämischen Schäden führen.

6. Pyoderma gangraenosum – wenn Debridement schadet

Eine der wichtigsten Differenzialdiagnosen in der Wundversorgung ist Pyoderma gangraenosum.

Typische Merkmale:

  • starke Schmerzen
  • violette Wundränder
  • rasche Progression
  • Pathergie (Verschlechterung nach minimalem Trauma)

Das Entscheidende: Chirurgisches Debridement kann die Wunde verschlimmern. Deshalb ist eine frühe Diagnose essenziell. Häufig besteht eine Assoziation mit Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn oder rheumatoider Arthritis.

7. Petechien und Purpura als Zeichen einer Vaskulitis

Bei kutanen Vaskulitiden führt eine Entzündung kleiner Gefäße zu Petechien, Purpura und teilweise zu ischämischen Läsionen.

Die Bandbreite reicht von milden Hautveränderungen bis hin zu schwerer Gewebeschädigung durch Gefäßverschlüsse.

8. Nicht heilende Narben können ein Karzinom sein

Marjolin-Ulzera sind maligne Tumoren, meist Plattenepithelkarzinome, die in alten Narben entstehen – häufig Jahrzehnte nach einer Verbrennung.

Das klinische Bild ist tückisch:
Es erscheint häufig einfach wie eine nicht heilende Wunde innerhalb einer Narbe. Eine frühzeitige Biopsie ist daher entscheidend.

9. Calciphylaxie – selten, aber hochgefährlich

Diese Erkrankung tritt vor allem bei Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz auf.

Typische Entwicklung:

  1. indurierte Plaques
  2. livide Hautveränderungen
  3. rasche Progression zu nekrotischen Ulzera

Die Schmerzen sind meist extrem und erfordern häufig eine intensive Schmerztherapie.

10. Selbstzugefügte Wunden nicht übersehen

Dermatitis artefacta entsteht durch bewusst oder unbewusst selbst zugefügte Hautverletzungen.

Hinweise können sein:

  • ungewöhnliche Formen der Läsionen
  • unterschiedliche Heilungsstadien
  • Lokalisation an gut erreichbaren Körperstellen
  • inkonsistente Anamnese

Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose und erfordert häufig eine interdisziplinäre Betreuung.

Der Schlüssel liegt nahezu immer im diagnostischen Zweifel

Atypische Wunden erinnern daran, dass erfolgreiche Wundtherapie nicht nur aus lokalen Maßnahmen besteht.

Der entscheidende Schritt ist oft nicht das richtige Verbandmaterial – sondern die richtige Diagnose.

Wichtige klinische Prinzipien:

  • ungewöhnliche Lokalisation ernst nehmen
  • ungewöhnliche Schmerzen hinterfragen
  • fehlende Heilung neu bewerten
  • frühzeitig Biopsie oder Fachkonsil einleiten

Gerade in der interdisziplinären Zusammenarbeit mit Dermatologie, Rheumatologie oder Nephrologie lassen sich viele atypische Wunden deutlich früher erkennen.

Und genau das kann für den Patienten den entscheidenden Unterschied machen.


Quelle: Black J.: Top ten tips: Atypical wounds. Wounds International. 2025;16(4):8–11.

 

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