Die russische Invasion in der Ukraine hat die moderne Traumaversorgung vor neue Dimensionen gestellt. Hochenergetische Explosionsverletzungen, komplexe Gewebezerstörungen und massive Kontaminationen treffen auf begrenzte Ressourcen, gestörte Logistik und lange Evakuierungszeiten. Unter diesen Bedingungen gewinnt das strukturierte, adaptive Wundmanagement eine zentrale Bedeutung für Überleben, Gliedmaßenerhalt und funktionelle Rehabilitation.

Das Superhumans Center in Lviv, Ukraine, ist ein spezialisiertes Level-4-Zentrum für rekonstruktive und plastische Chirurgie, Prothetik und Rehabilitation. Seit 2023 übernimmt es eine Schlüsselrolle in der Versorgung schwerer Extremitäten- und Gesichtstraumata aus dem Kriegsgeschehen. Die dort gewonnenen klinischen Erfahrungen liefern wertvolle Erkenntnisse für die Versorgung komplexer Wunden – weit über militärische Kontexte hinaus.

Charakteristika moderner Kriegsverletzungen

Die Mehrzahl der behandelten Verletzungen resultiert aus Landminen, Artillerie, Drohnenmunition und Kleinwaffen. Diese Traumata sind gekennzeichnet durch:

  • großflächige Weichteilzerstörung

  • komplexe Knochen- und Gefäßverletzungen

  • hohe bakterielle Kontamination

  • verzögerte chirurgische Erstversorgung

Erschwert wird die Situation durch lange präklinische Transportzeiten, wiederholte Umlagerungen zwischen Versorgungseinrichtungen und gezielte Angriffe auf medizinische Evakuierungsstrukturen. Die Folge sind häufig fortgeschrittene Infektionen, instabile Wundsituationen und ein hoher Anteil multiresistenter Erreger.

Zentrale Herausforderungen im klinischen Alltag

Die Behandlung kampfbedingter Wunden erfolgt unter außergewöhnlichen Rahmenbedingungen:

  • verlängerte Evakuierungs- und Behandlungsintervalle

  • Ressourcenknappheit und limitierte mikrochirurgische Kapazitäten

  • eingeschränkte Logistik und Materialverfügbarkeit

  • erheblicher psychischer Druck auf medizinisches Personal

  • ethische Dilemmata bei der Priorisierung begrenzter Ressourcen

Ein besonders relevantes Problem stellt die hohe Prävalenz multiresistenter Keime dar, die den Heilungsverlauf erheblich beeinflussen und eine stringente Infektionskontrolle erforderlich machen.

Strukturierte Wundbehandlung als Schlüsselstrategie

Um nosokomiale Infektionen zu minimieren und reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen, arbeitet das Superhumans Center mit klar definierten Wundprotokollen.

Frühphase nach Aufnahme

  • konsequente Isolation aller Patienten mit offenen Wunden

  • vollständige operative Wundrevision innerhalb von 24 Stunden

  • Revision auch bereits verschlossener Wunden

  • Austausch sämtlicher Katheter und Drainagen

  • systematische mikrobiologische Diagnostik

Chirurgisches Debridement

  • radikale Entfernung allen nicht vitalen Gewebes

  • großzügige Spülung mit mehreren Litern steriler Kochsalzlösung

  • routinemäßige Entnahme von Gewebeproben zur Resistenzbestimmung

Besonderes Augenmerk gilt Amputationsstümpfen: saubere Osteotomien, Glättung der Knochenenden und sorgfältige Behandlung der Nervenstümpfe zur Vermeidung von Neuromen sind essenziell für die spätere Prothesenversorgung.

Wundverschluss und temporäre Strategien

Ein primärer Wundverschluss wird angestrebt, sofern ausreichend vitales Gewebe vorhanden ist. Ist dies nicht möglich, kommen standardisiert Unterdruck-Wundtherapiesysteme zum Einsatz. Diese werden unter sterilen OP-Bedingungen regelmäßig gewechselt, um eine kontinuierliche Beurteilung zu ermöglichen.

Der definitive Wundverschluss erfolgt in der Regel innerhalb der ersten sieben Tage, abhängig von Wundstatus und Infektionslage. Zum Einsatz kommen:

  • lokale Gewebeverschiebungen

  • Spalthauttransplantate

  • lokale und regionale Lappen

  • freie mikrochirurgische Lappen

Die rekonstruktive Stufenleiter und orthoplastische Prinzipien werden dabei strikt eingehalten.

Management komplexer Knochen- und Weichteildefekte

Große Knochendefekte, insbesondere nach offenen Frakturen, werden bevorzugt mit der Masquelet-Technik behandelt. Nach Entfernung infizierten Knochens erfolgt die temporäre Defektauffüllung mit antibiotikahaltigem Zement, gefolgt von einer zweiten Rekonstruktionsphase mit autologem Knochen.

Bei kombinierten Knochen- und Weichteilverlusten kommen freie Muskel- oder osteomyokutane Lappen, insbesondere Latissimus-dorsi- oder Fibulalappen, zum Einsatz. Diese Verfahren ermöglichen stabile Defektdeckung, Infektkontrolle und funktionellen Erhalt der Extremität.

Antibiotikastrategie: gezielt statt reflexhaft

Antibiotika werden nicht routinemäßig verabreicht. Bei klinisch stabilen Patienten ohne systemische Entzündungszeichen erfolgt zunächst keine antibiotische Therapie. Erst nach Vorliegen der mikrobiologischen Ergebnisse wird eine gezielte, erregerspezifische Behandlung eingeleitet. Dieses Vorgehen reduziert Nebenwirkungen und trägt zur Eindämmung weiterer Resistenzentwicklung bei.

Ergebnisse und klinische Lehren

Trotz der extremen Rahmenbedingungen konnten Komplikationsraten durch strukturierte Protokolle und enge interdisziplinäre Zusammenarbeit niedrig gehalten werden. Besonders hervorzuheben ist die enge Verzahnung von Rekonstruktionschirurgie, moderner Prothetik und Rehabilitation, die in vielen Fällen den Gliedmaßenerhalt oder eine funktionell hochwertige Amputation ermöglicht hat.

Gleichzeitig zeigen Phänomene wie das zunehmende Tourniquet-Syndrom und verzögerte Wundheilungen, dass bestehende Konzepte kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen.

Relevanz über den Krieg hinaus

Die Erfahrungen des Superhumans Center verdeutlichen, dass modernes Wundmanagement im Krieg strukturierte Prozesse, chirurgische Präzision und adaptive Entscheidungsfindung erfordert. Viele der gewonnenen Erkenntnisse sind nicht auf militärische Szenarien beschränkt, sondern haben hohe Relevanz für die zivile Traumaversorgung, Katastrophenmedizin und die Behandlung komplexer infizierter Wunden.

Auch unter extremen Bedingungen sind gute klinische Ergebnisse möglich – wenn Wundversorgung konsequent, interdisziplinär und evidenzbasiert umgesetzt wird.

Quelle: Ihor Stoianovskyi: “Management of wounds in Russo-Ukrainian War: challenges and clinical experiences from the Superhumans Center”, in: Wounds International, 04.11.2025. Weitere Quellenangaben dort, (PDF | Link öffnet in neuem Tab)