Bissverletzungen gehören zu den häufigen, aber oft unterschätzten Wunden im klinischen Alltag. Sie treten in der Notaufnahme, in der hausärztlichen Versorgung und in der ambulanten Wundbehandlung regelmäßig auf. Trotz ihrer scheinbar banalen Erscheinung können sie erhebliche Komplikationen verursachen – von lokalen Infektionen bis hin zu schweren systemischen Verläufen.

Die moderne evidenzbasierte Versorgung von Bisswunden zeigt jedoch: Viele traditionelle Annahmen sind zu pauschal. Entscheidend sind heute vor allem eine sorgfältige mechanische Wundversorgung, eine differenzierte Risikoeinschätzung und ein gezielter Einsatz von Antibiotika.

Warum Bisswunden besonders infektionsgefährdet sind

Bissverletzungen unterscheiden sich grundlegend von anderen traumatischen Wunden. Während klassische Schnitt- oder Schürfwunden primär durch Hautflora kontaminiert werden, gelangen bei Bissen zahlreiche Mikroorganismen aus der Mundflora des beißenden Wesens in das Gewebe [1].

Dabei handelt es sich meist um polymikrobielle Infektionen, die aerobe und anaerobe Bakterien enthalten [1].

Typische Erreger sind:

Hundebisse

  • Pasteurella multocida
  • Capnocytophaga canimorsus
  • Staphylococcus aureus
  • Streptococcus spp.
  • Anaerobier [1][2]

Katzenbisse

  • Pasteurella multocida (dominierender Erreger) [1]

Menschenbisse

  • Eikenella corrodens
  • Staphylococcus aureus
  • Streptokokken der anginosus-Gruppe
  • Anaerobe Mundflora [1][2]

Besondere klinische Relevanz hat Capnocytophaga canimorsus, das bei Risikopatienten – insbesondere Asplenie, Alkoholabhängigkeit oder Immunsuppression – zu fulminanten septischen Verläufen führen kann [1].

Infektionsrisiko je nach Bissart

Das Infektionsrisiko variiert erheblich abhängig vom Tier und von der Art der Verletzung.

Typische Infektionsraten in Studien:

BissartInfektionsrate
Hundca. 10–30 %
Menschca. 20–40 %
Katzeca. 30–60 %

Katzenbisse sind besonders problematisch, da sie häufig tiefe Punktionswunden verursachen. Die schmalen Einstichkanäle schließen sich schnell wieder, während Bakterien in tieferen Gewebeschichten verbleiben. Infektionen können daher bereits innerhalb von 12–24 Stunden auftreten [1][2].

Die wichtigste Therapie: mechanische Wundreinigung

Die wichtigste evidenzbasierte Maßnahme bei Bisswunden ist nicht das Antibiotikum, sondern die gründliche mechanische Wundreinigung [3].

Diese umfasst:

  • großzügige Spülung mit physiologischer Kochsalzlösung oder Wasser
  • Entfernung von Fremdkörpern
  • chirurgisches Debridement von devitalem Gewebe

Studien zeigen, dass eine sorgfältige mechanische Reinigung das Infektionsrisiko stärker beeinflusst als viele andere therapeutische Maßnahmen [3].

Der Hintergrund: Obwohl Bisswunden immer bakteriell kontaminiert sind, entwickelt sich eine manifeste Infektion häufig erst nach mehreren Stunden. Eine frühzeitige Reduktion der bakteriellen Last kann diesen Prozess entscheidend beeinflussen [3].

Primärer Wundverschluss – ein Paradigmenwechsel

Traditionell wurde empfohlen, Bisswunden grundsätzlich offen zu behandeln, um Infektionen zu vermeiden. Neuere Studien zeigen jedoch ein differenzierteres Bild.

Mehrere prospektive Studien und Reviews konnten zeigen:

  • Die Infektionsrate unterscheidet sich kaum zwischen primärem Verschluss und offener Behandlung.
  • Der primäre Verschluss führt zu deutlich besseren kosmetischen Ergebnissen [4].

Besonders relevant ist dies für Gesichtswunden. Hier sprechen mehrere Faktoren für einen primären Verschluss:

  • sehr gute Durchblutung
  • schnelle Immunantwort
  • häufig frühe Vorstellung der Patienten
  • hohe kosmetische Relevanz

Daher empfehlen viele moderne Leitlinien heute:

Primärer Wundverschluss bei frischen, gut gereinigten Gesichtsbissen [4].

Zurückhaltung ist dagegen weiterhin angezeigt bei:

  • Handbissen
  • Katzenbissen mit Punktionscharakter
  • stark kontaminierten Wunden
  • spät vorgestellten Verletzungen
  • immunsupprimierten Patienten [3][4]

In diesen Fällen kann eine offene Behandlung oder ein verzögerter Wundverschluss sinnvoll sein.

Antibiotikaprophylaxe – wann sie wirklich sinnvoll ist

Die Rolle prophylaktischer Antibiotika wurde in mehreren randomisierten Studien untersucht. Eine systematische Analyse zeigte: Für alle Bisswunden zusammen ergibt sich kein klarer Nutzen [5].

Eine wichtige Ausnahme sind jedoch Handbisse.

In Studien zeigte sich:

SituationInfektionsrate ohne Antibiotikamit Antibiotika
Handbisseca. 28 %ca. 2 %

Die Number Needed to Treat liegt hier bei etwa vier – ein sehr deutlicher Effekt [5].

Daher werden prophylaktische Antibiotika empfohlen bei:

  • Handbissen
  • Katzenbissen
  • Menschenbissen
  • tiefen Wunden
  • Beteiligung von Knochen oder Gelenken
  • Immunsuppression [3][5]

Antibiotische Therapie

Als Standardtherapie gilt:

Amoxicillin/Clavulansäure [2][3]

Dieses Antibiotikum deckt die wichtigsten typischen Erreger ab, darunter:

  • Pasteurella
  • Eikenella
  • Staphylokokken
  • Anaerobier [1][2]

Bei Penicillinallergie kommen unter anderem Kombinationen mit Doxycyclin oder Fluorchinolonen in Betracht [3].

Typische Behandlungsdauer:

SituationDauer
Prophylaxe3–5 Tage
Lokale Infektion5–10 Tage
Beteiligung von Knochen oder Gelenkmindestens 14 Tage

Impfstatus nicht vergessen

Bei jeder Bissverletzung muss auch der Tetanusimpfstatus überprüft werden [6].

Gegebenenfalls ist eine Auffrischimpfung oder Postexpositionsprophylaxe erforderlich.

Zusätzlich sollte abhängig von Tierart und Expositionssituation eine Tollwutprophylaxe geprüft werden [6].

Bei Menschenbissen kann außerdem eine Bewertung hinsichtlich möglicher Übertragung von Hepatitis oder HIV notwendig sein [3].

Warum Handbisse besonders gefährlich sind

Handbisse wirken oft unscheinbar, haben jedoch ein besonders hohes Komplikationsrisiko.

Die Gründe sind vor allem anatomisch:

  • enge Sehnenfächer
  • geringe Weichteildeckung
  • schnelle Ausbreitung entlang von Sehnenscheiden
  • mögliche Gelenkbeteiligung

Besonders problematisch sind sogenannte „fight bites“. Dabei trifft ein Schlag gegen die Zähne des Gegners häufig das MCP-Gelenk. Die Verletzung kann klein erscheinen, während bereits Bakterien in das Gelenk eingebracht wurden [3].

Diese Verletzungen erfordern häufig eine frühzeitige chirurgische Exploration.

Kurz gesagt

Die moderne Versorgung von Bisswunden basiert auf einigen klaren Grundprinzipien:

  • Gründliche mechanische Wundreinigung ist die wichtigste Maßnahme.
  • Antibiotika sind vor allem bei Risikowunden sinnvoll.
  • Ein primärer Wundverschluss ist bei ausgewählten Wunden – insbesondere im Gesicht – möglich.
  • Handbisse müssen besonders ernst genommen werden.
  • Impfstatus und Infektionsprophylaxe sollten immer überprüft werden.

Bissverletzungen wirken oft banal. In der Praxis entscheidet jedoch eine strukturierte und evidenzbasierte Versorgung darüber, ob aus einer kleinen Wunde eine schwerwiegende Infektion wird.


Quellen

  1. Brook I. Management of human and animal bite wound infection. Clinical Microbiology Reviews. 2003;16(2):231–246.
  2. Goldstein EJC. Bite wounds and infection. Clinical Infectious Diseases. 2000;31(2):598–607.
  3. Stefanopoulos PK. Management of bite wounds. International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery. 2004;33(1):1–6.
  4. Cummings P. Antibiotics to prevent infection in patients with dog bite wounds: a meta-analysis. JAMA. 1994;271(24):1852–1855.
  5. Cochrane Database of Systematic Reviews. Antibiotics for mammalian bites. 2012;CD003541.
  6. World Health Organization. Rabies: WHO position on rabies vaccines and immunoglobulins. Geneva: WHO; 2018.

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