Wundversorgung in Alten- und Pflegeheimen ist längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Qualitätsfaktor der stationären Langzeitpflege. Chronische Wunden, Dekubitus und komplexe Mehrfacherkrankungen machen ein strukturiertes Wundmanagement unverzichtbar – sowohl medizinisch als auch organisatorisch.

In Deutschland gibt es derzeit rund 11.600 vollstationäre Alten- und Pflegeheime. Gleichzeitig existiert keine belastbare bundesweite Statistik, die exakt ausweist, wie viele Einrichtungen eigene Wundexperten beschäftigen oder wie viele vollständig mit externen Wunddiensten arbeiten.

Die Realität lässt sich daher nur über Strukturerhebungen und Fachpraxis annähern:

  • Grobe Schätzung: ca. 1/3 bis 1/2 der Heime haben interne Wundexperten (meist nicht ausschließlich für Wundversorgung zuständig)
  • Die Mehrheit arbeitet zumindest teilweise mit externen Wunddiensten
  • Mischformen sind inzwischen am häufigsten

Damit bewegt sich Wundmanagement in der stationären Langzeitpflege in einem flexiblen, stark heterogenen Versorgungssystem – ohne einheitliche Struktur, aber mit klaren fachlichen Anforderungen. Die Realität in deutschen Einrichtungen zeigt dabei ein Spannungsfeld zwischen intern organisierten Pflegeprozessen und extern eingebundenen Wundspezialisten. Beide Systeme haben ihre Berechtigung – und entfalten ihre volle Wirkung oft erst im Zusammenspiel.

Wundversorgung im Pflegeheim: Mehr als Verbandwechsel

Wundversorgung in Alten- und Pflegeheimen ist heute ein hochstrukturierter Prozess. Chronische Wunden entstehen meist nicht isoliert, sondern im Kontext von Multimorbidität, Immobilität und vaskulären oder metabolischen Grunderkrankungen.

Typische Wundarten sind:

  • Dekubitus (Druckulzera)
  • Ulcus cruris
  • Diabetische Fußulzera
  • postoperative oder traumatische Wunden

Der pflegerische Umgang orientiert sich dabei an wissenschaftlich fundierten Standards, insbesondere an den Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) zur Dekubitusprophylaxe [1].

Interne Wundversorgung: Nähe, Kontinuität und Alltagseinbindung

Viele Pflegeheime verfügen über intern geschulte Pflegefachkräfte, teilweise mit Zusatzqualifikation als Wundexperte.

Stärken des internen Systems

Der entscheidende Vorteil ist die enge Verzahnung mit dem Pflegealltag:

  • kontinuierliche Beobachtung des Wundverlaufs
  • schnelle Umsetzung von Maßnahmen (z. B. Lagerung, Druckentlastung)
  • hohe Kenntnis über Bewohner, Risiken und Pflegeverlauf

Diese Kontinuität ist insbesondere bei der Dekubitusprophylaxe ein zentraler Qualitätsfaktor [1].

Grenzen des internen Systems

Dem stehen strukturelle Herausforderungen gegenüber:

  • heterogene Qualifikationsniveaus
  • begrenzte zeitliche Ressourcen im Pflegealltag
  • Abhängigkeit von einzelnen Fachkräften

Dadurch kann die Versorgungsqualität zwischen Einrichtungen deutlich variieren.

Externes Wundmanagement: Spezialisierung und Zweitmeinung

Parallel hat sich in den letzten Jahren ein wachsendes Feld externer Wunddienste etabliert. Diese übernehmen unter anderem:

  • regelmäßige Wundvisiten
  • Therapieempfehlungen
  • Auswahl moderner Verbandmaterialien
  • Schulung des Pflegepersonals

Stärken externer Systeme

Der zentrale Vorteil liegt in der hohen Spezialisierung:
Externe Wundexperten sehen täglich eine große Anzahl komplexer Wundverläufe und bringen entsprechend aktualisiertes Fachwissen ein.

Besonders relevant ist dies bei:

  • stagnierenden Wundheilungsverläufen
  • komplexen Mehrfachwunden
  • therapieresistenten chronischen Wunden

Studien und Fachpositionen zeigen, dass externe Expertise insbesondere bei komplexen Wundverläufen zur Optimierung der Therapie beitragen kann [2].

Grenzen externer Systeme

Gleichzeitig bestehen strukturelle Einschränkungen:

  • nur episodische Präsenz im Pflegeheim
  • Abhängigkeit von Besuchsintervallen
  • erhöhter Kommunikationsaufwand zwischen allen Beteiligten

Die tägliche Verlaufsbeobachtung bleibt primär beim Pflegepersonal.

Qualität im Vergleich: Kein Entweder-oder

Die Versorgungsqualität hängt weniger vom System als vom Zusammenspiel der Beteiligten ab.

Internes System

  • stark in Kontinuität und Alltagsintegration
  • abhängig von Qualifikation und Ressourcen

Externes System

  • stark in Spezialisierung und fachlicher Tiefe
  • weniger präsent im Pflegealltag

In der Praxis zeigt sich daher kein Konkurrenzverhältnis, sondern eine funktionale Ergänzung.

Mischmodelle als gelebter Standard

In vielen Einrichtungen hat sich inzwischen ein hybrides Modell etabliert:

  • Pflegepersonal übernimmt tägliche Versorgung, Beobachtung und Prävention
  • externe Wundexperten übernehmen spezialisierte Beurteilung und Therapieempfehlungen
  • ärztliche Verantwortung bleibt eingebunden

Dieses Zusammenspiel gilt insbesondere bei chronischen Wunden und Dekubitus als praxisnahes Versorgungsmodell und wird in der Fachliteratur zunehmend als sinnvoll beschrieben [3][4].

Qualität entsteht im Zusammenspiel

Wundmanagement in Alten- und Pflegeheimen ist ein dynamisches System zwischen Alltagspflege und Spezialisierung.

  • interne Strukturen sichern Nähe, Reaktionsfähigkeit und Kontinuität
  • externe Wundexperten bringen Spezialisierung und objektive Bewertung
  • Mischformen dominieren zunehmend die Versorgungsrealität

Gerade in einer alternden Gesellschaft mit steigender Prävalenz chronischer Wunden wird die Qualität der Versorgung weniger durch die Organisationsform allein bestimmt, sondern durch die konsequente Verzahnung beider Systeme.


Literatur und Quellen

[1] Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege. Osnabrück: Hochschule Osnabrück; aktuelle Fassung.

[2] European Wound Management Association (EWMA). Position Document: Wound Management and Chronic Wounds. London: EWMA Publications; 2022.

[3] Statistisches Bundesamt (Destatis). Pflegestatistik: Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung Deutschland. Wiesbaden: Destatis; aktuelle Ausgabe.

[4] Robert Koch-Institut (RKI). Prävention nosokomialer Infektionen und Empfehlungen zur Wundversorgung in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen. Berlin: RKI; aktuelle Empfehlungen.

 

 

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