Eine Schnittwunde am Finger, eine Operationsnaht oder eine Schürfwunde nach einem Sturz: In all diesen Fällen beginnt im Körper sofort ein hochkomplexes Programm. Entzündung ist der erste und entscheidende Schritt der Wundheilung.
Entzündungen sind lebenswichtig. Sie helfen uns, Krankheitserreger zu bekämpfen, Wunden zu heilen und geschädigtes Gewebe zu reparieren. Doch sie sind ein zweischneidiges Schwert: Sind sie zu schwach, breiten sich Infektionen aus. Sind sie zu stark oder dauern zu lange an, drohen chronische Entzündungen, Autoimmunerkrankungen oder sogar Krebs.
Wie schafft es unser Körper also, Entzündungen genau richtig zu dosieren?
Forschende vom Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) und der Universität Heidelberg sind dieser Frage nachgegangen. Ihre Ergebnisse zeigen: Zellen nutzen zwei unterschiedliche Strategien, um Entzündungsgene präzise zu steuern – und kombinieren diese je nach Bedarf.
Entzündung: Ein fein abgestimmter Prozess
Wenn unser Körper einen Krankheitserreger erkennt, wird unter anderem der Botenstoff Tumornekrosefaktor (TNF) freigesetzt. Er wirkt wie ein Alarmsignal: Bestimmte Gene in den Zellen werden aktiviert, die wiederum Immunzellen mobilisieren, Botenstoffe ausschütten und Blutgefäße durchlässiger machen. So kann das Immunsystem schnell eingreifen.
Doch diese Aktivierung ist kein einfacher Ein-Aus-Schalter. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel von rund 1.500 Genen, die je nach Situation unterschiedlich stark und unterschiedlich lange aktiv sein müssen.
Die Heidelberger Forschenden konnten in menschlichen Gefäßzellen erstmals detailliert nachvollziehen, wie diese Gene nach einem Entzündungsreiz gesteuert werden.
Strategie 1: Flexible DNA-Schlaufen für die Feinregulation
Ein Teil der Entzündungsgene wird über kurzfristige Kontakte im Erbgut reguliert.
Unsere DNA liegt nicht einfach wie ein gerader Faden im Zellkern. Sie ist dreidimensional organisiert und kann Schleifen bilden. Dabei kommen entfernte DNA-Abschnitte kurzzeitig räumlich zusammen. So kann ein Gen Kontakt zu einem regulierenden Abschnitt aufnehmen, der eigentlich weit entfernt liegt.
Diese Kontakte sind locker und nur von kurzer Dauer. Sie lösen sich schnell wieder auf.
Das ermöglicht eine besonders flexible Steuerung – vor allem für Gene, die:
- erst später in der Entzündungsreaktion gebraucht werden
- oder nur in bestimmten Zellen aktiviert werden sollen
Man kann sich das wie eine kurzfristige Telefonverbindung vorstellen: schnell aufgebaut, gezielt genutzt, dann wieder beendet.
Strategie 2: Schaltzentren für die schnelle Erstreaktion
Neben diesen flexiblen Kontakten entdeckte das Team sogenannte „Schaltzentren“ im Zellkern.
In diesen Bereichen lagern sich viele steuernde Proteine – sogenannte Transkriptionsfaktoren – dicht an die DNA an. Mehrere Entzündungsgene liegen dort räumlich nah beieinander und können gemeinsam aktiviert werden.
Das hat einen großen Vorteil:
Die Zelle kann sehr schnell und kraftvoll reagieren, wenn sofortiges Handeln gefragt ist.
Während die lockeren DNA-Kontakte eher für Feinarbeit zuständig sind, funktionieren die Schaltzentren wie ein gut organisiertes Einsatzkommando – bereit für die schnelle Alarmreaktion.
Kein Kippschalter, sondern ein Dimmer
Studienleiter Karsten Rippe vom DKFZ bringt es auf den Punkt:
Eine Entzündung wird nicht einfach ein- und ausgeschaltet. Sie ist ein fein modulierter Prozess.
Durch das Zusammenspiel beider Mechanismen kann die Zelle:
- Entzündungen rasch starten
- sie bei Bedarf verstärken
- und später wieder gezielt dämpfen
Die Schaltzentren sorgen für die schnelle Anfangsreaktion.
Die flexiblen DNA-Kontakte übernehmen die präzise Feinsteuerung im weiteren Verlauf.
Warum diese Erkenntnisse wichtig sind
Fehlgesteuerte Entzündungen spielen bei vielen Erkrankungen eine zentrale Rolle – etwa bei chronisch-entzündlichen Krankheiten, bei chronischen Wunden, überschießender Narbenbildung, Autoimmunerkrankungen oder Krebs.
Die neuen Erkenntnisse liefern eine wichtige Grundlage, um solche Prozesse künftig besser zu verstehen. Langfristig könnten sie helfen, Therapien gezielter zu entwickeln – also Entzündungen dort zu bremsen, wo sie schaden, und sie dort zu unterstützen, wo sie schützen.
Quellen
- Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): Pressemitteilung vom 16.01.2026.
- Universität Heidelberg: Pressemitteilung vom 16.01.2026)



