Ein moderner Ansatz zur Behandlung chronischer Wunden
Eine aktuelle Studie beschreibt die Entwicklung eines modernen Wundverbandes, der mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen kann. Hintergrund ist, dass chronische Wunden – etwa bei Diabetes oder lang bestehenden Infektionen – sehr komplex sind und oft nur schlecht heilen.
Meist kommen dabei mehrere Dinge zusammen: eine bakterielle Besiedlung, eine gestörte Zellregeneration und ein dauerhaft ungünstiges Wundmilieu. Klassische Wundauflagen können die Wunde zwar abdecken und schützen, greifen aber nicht aktiv in diese biologischen Prozesse ein.
Genau hier setzt dieses neue Konzept an: ein Wundverband, der nicht nur passiv schützt, sondern aktiv Heilung und Infektionskontrolle miteinander verbindet.
Grundprinzip: Zwei Wirkstoffe, zwei Funktionen
Der entwickelte Verband kombiniert zwei unterschiedliche Wirkstoffe mit klar getrennten Aufgaben:
- Ciprofloxacin (Antibiotikum): zur Bekämpfung von Bakterien und Reduktion der Keimbelastung
- EGF (Epidermal Growth Factor): zur Förderung der Zellneubildung und Geweberegeneration
Die Idee dahinter ist, dass beide Prozesse – Infektionskontrolle und Heilung – gleichzeitig wichtig sind, aber nicht zwingend zur gleichen Zeit oder auf die gleiche Weise ablaufen müssen.
Aufbau des Verbandes: Ein System mit Kern und Hülle
Der Verband besteht aus ultrafeinen Fasern (Nanofasern), die in einer sogenannten Kern-Hülle-Struktur aufgebaut sind.
- Im Kern der Faser befindet sich das Antibiotikum Ciprofloxacin
- In der äußeren Hülle sind Nanopartikel mit dem Wachstumsfaktor EGF eingebettet
Diese räumliche Trennung ist entscheidend für die Funktion des Systems. Sie ermöglicht, dass beide Wirkstoffe unabhängig voneinander, aber dennoch koordiniert freigesetzt werden können.
Wie der Verband im Wundkontakt reagiert
Sobald die Wundauflage mit Wundflüssigkeit in Kontakt kommt, beginnt ein zweistufiger Prozess:
Zunächst löst sich die äußere Schicht der Fasern sehr schnell auf. Dadurch werden die EGF-haltigen Nanopartikel freigesetzt und direkt in das Wundgebiet abgegeben. Diese Phase ist besonders wichtig für die frühe Aktivierung der Wundheilung.
Parallel dazu bleibt der innere Faserkern stabiler bestehen. Er gibt das enthaltene Antibiotikum Ciprofloxacin über einen längeren Zeitraum hinweg kontrolliert ab. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Schutz vor bakteriellen Infektionen.
Herstellung und Materialwahl: schonend und biokompatibel
Für die Herstellung wurde ein sogenanntes „grünes Elektrospinning“ verwendet. Dabei werden ausschließlich wasserbasierte Lösungen eingesetzt, um aggressive organische Lösungsmittel zu vermeiden.
Das ist besonders wichtig, da sowohl der Wachstumsfaktor als auch die Nanopartikel empfindlich auf harte chemische Bedingungen reagieren können. Durch diese schonende Herstellung bleiben die biologischen Eigenschaften der Wirkstoffe erhalten.
Als Materialien wurden Polymere gewählt, die sich bereits in der Wundversorgung bewährt haben. Zusätzlich wurde Hyaluronsäure eingesetzt, die natürlicherweise auch in der Haut vorkommt und die Heilung unterstützen kann. Dadurch entsteht ein Verband, der sich gut an die Wunde anpasst und gleichzeitig ein feuchtes Heilungsmilieu unterstützt.
Ergebnisse aus Laboruntersuchungen
Im Labor zeigte der entwickelte Verband eine klare antibakterielle Wirkung gegen verschiedene Bakterienarten, sowohl gegen grampositive als auch gramnegative Keime. Die Wirkung war bereits bei niedriger Wirkstoffmenge deutlich ausgeprägt.
Gleichzeitig zeigte sich, dass die Materialien insgesamt gut verträglich sind. Weder Blutbestandteile noch Zellen wurden in relevanter Weise geschädigt. Die untersuchten Zellkulturen blieben größtenteils lebensfähig, was auf eine gute Biokompatibilität hinweist.
Der Wachstumsfaktor EGF zeigte zusätzlich einen positiven Effekt auf das Zellwachstum. Das Antibiotikum allein konnte dagegen die Zellaktivität leicht hemmen, was bei dieser Wirkstoffklasse bekannt ist. Interessant war jedoch, dass dieser Effekt durch die gleichzeitige Anwesenheit von EGF teilweise abgeschwächt werden konnte.
Bedeutung für die Praxis der Wundversorgung
Der große Vorteil dieses Ansatzes liegt in der Kombination zweier zentraler Therapieziele:
- Kontrolle von Infektionen
- Förderung der Geweberegeneration
Statt beide Ziele getrennt zu behandeln, werden sie hier in einem einzigen System zusammengeführt – mit unterschiedlicher zeitlicher Steuerung.
Das ist besonders relevant für chronische Wunden, bei denen beide Probleme gleichzeitig auftreten, etwa beim diabetischen Fußsyndrom.
Ein Schritt Richtung aktiver Wundversorgung
Zusammengefasst zeigt die Arbeit ein Wundverband-System, das nicht nur passiv schützt, sondern aktiv in den Heilungsprozess eingreift.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass solche „intelligenten“ Verbände eine vielversprechende Weiterentwicklung klassischer Wundauflagen darstellen könnten – insbesondere für schwer heilende Wunden mit Infektionsrisiko.
Bevor ein solcher Ansatz in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann, sind jedoch weitere Untersuchungen, insbesondere in Tiermodellen und später in klinischen Studien, notwendig.
Quelle:
Catanzano O, Bonadies I, Gamba C, Guida M, Abbamondi GR, Tommonaro G, Ahmed H, Quaglia F, Boateng JS. Core-shell nanofibers integrating growth factor-loaded nanoparticles for spatio-temporal delivery in chronic wound healing. Biomater Adv. 2026 Jun;183:214781. doi: 10.1016/j.bioadv.2026.214781. Epub 2026 Feb 19. PMID: 41762584.



