Wundheilungsstörungen im Leistenbereich zählen zu den häufigsten und zugleich folgenreichsten Komplikationen nach gefäßchirurgischen Eingriffen. Wundinfektionen, Serome, Hämatome oder Dehiszenzen können nicht nur die Heilung verzögern, sondern auch die Aufenthaltsdauer verlängern und zusätzliche therapeutische Maßnahmen erforderlich machen. Vor diesem Hintergrund wurde in den vergangenen Jahren große Hoffnung in die geschlossene Unterdruck-Wundtherapie (Closed Incision Negative Pressure Wound Therapy, ciNPWT) gesetzt. Ziel dieser Technologie ist es, postoperative Wundkomplikationen zu reduzieren und die Wundheilung zu unterstützen.

Eine aktuelle multizentrische, randomisierte Studie aus den Niederlanden stellt diesen erwarteten Nutzen jedoch infrage. Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse für Chirurginnen und Chirurgen, Pflegefachpersonen sowie Wundmanager und könnten Einfluss auf die zukünftige Anwendung der Methode im klinischen Alltag haben [1].

Hochwertige Evidenz aus der Praxis

Für die Studie wurden insgesamt 275 Patientinnen und Patienten eingeschlossen, die sich einem peripher-arteriellen gefäßchirurgischen Eingriff mit femoraler Inzision unterzogen hatten. Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip entweder mit einem ciNPWT-System (PREVENA) oder mit einem konventionellen chirurgischen Standardverband versorgt.

Über einen Zeitraum von 30 Tagen erfolgte die Nachbeobachtung. Dabei untersuchten die Forschenden insbesondere das Auftreten von Wundinfektionen nach CDC-Kriterien sowie weitere postoperative Komplikationen wie Serome, Hämatome, Nekrosen und Wunddehiszenzen. Zusätzlich wurden die Heilungsdauer und die Länge des Krankenhausaufenthalts erfasst.

Die Ergebnisse: Kein messbarer Vorteil durch ciNPWT

Die Auswertung der Daten zeigte ein überraschend klares Bild. Zwischen der Gruppe mit Unterdruck-Wundtherapie und der Gruppe mit Standardverband fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich der gesamten Wundkomplikationen. Auch bei der Heilungsdauer zeigte sich praktisch kein Unterschied: Die Wunden heilten in beiden Gruppen nach durchschnittlich rund 23 Tagen ab. Ebenso blieb die stationäre Verweildauer unverändert.

Bemerkenswert ist zudem, dass die Gesamtkomplikationsrate in beiden Behandlungsarmen bei etwa 25 Prozent lag. Trotz des zusätzlichen technischen Aufwands und der höheren Kosten konnte die Unterdruck-Wundtherapie somit keinen nachweisbaren klinischen Vorteil erzielen [1].

Konsequenzen für die klinische Praxis

Die Autoren der Studie ziehen daraus eine eindeutige Schlussfolgerung: Der routinemäßige Einsatz von ciNPWT bei Leisteninzisionen nach gefäßchirurgischen Eingriffen kann auf Grundlage der vorliegenden Daten nicht empfohlen werden [1].

Diese Aussage hat besonderes Gewicht, da die prophylaktische Anwendung von Unterdrucksystemen in vielen Kliniken bereits zum festen Bestandteil der Versorgung geworden ist – insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit einem erhöhten Risiko für Wundheilungsstörungen.

Für die Praxis bedeutet dies vor allem, dass eine differenzierte Indikationsstellung wichtiger wird. Statt eines pauschalen Einsatzes bei allen Betroffenen sollte sorgfältig geprüft werden, ob im individuellen Fall tatsächlich ein potenzieller Nutzen zu erwarten ist. Gleichzeitig rückt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit stärker in den Fokus. Da Unterdrucksysteme mit erheblichen Kosten verbunden sind, wird ein Einsatz ohne nachgewiesenen Mehrwert zunehmend kritisch zu hinterfragen sein.

Die Studie lenkt den Blick außerdem auf einen oft unterschätzten Aspekt: Moderne Wundtechnologien können grundlegende Prinzipien der chirurgischen Wundversorgung nicht ersetzen. Eine atraumatische Operationstechnik, konsequente Infektionsprophylaxe, eine fachgerechte Verbandversorgung und eine engmaschige postoperative Kontrolle bleiben die entscheidenden Faktoren für eine komplikationsarme Wundheilung.

Sind bestimmte Risikogruppen die Ausnahme?

Offen bleibt die Frage, ob einzelne Hochrisikogruppen möglicherweise dennoch von einer prophylaktischen Unterdruck-Wundtherapie profitieren könnten. Die vorliegende Untersuchung war nicht darauf ausgelegt, alle potenziellen Subgruppen gesondert zu analysieren. Daher sind weitere Studien erforderlich, um mögliche Vorteile bei besonders gefährdeten Patientinnen und Patienten zu identifizieren.

Für die allgemeine Population gefäßchirurgischer Patientinnen und Patienten mit Leisteninzisionen liefert die aktuelle Evidenz jedoch keinen Hinweis auf einen relevanten Zusatznutzen.

Kurz gesagt

Die geschlossene Unterdruck-Wundtherapie gilt vielerorts als innovative Maßnahme zur Prävention postoperativer Wundkomplikationen. Die aktuelle randomisierte Multicenter-Studie zeigt jedoch, dass sich die hohen Erwartungen bei Leisteninzisionen nach gefäßchirurgischen Eingriffen nicht bestätigen lassen. Weder die Komplikationsrate noch die Heilungsdauer oder die Länge des Krankenhausaufenthalts konnten durch den Einsatz von ciNPWT verbessert werden.

Für die moderne Wundversorgung bedeutet dies vor allem eines: Weniger Technologie-Euphorie, mehr evidenzbasierte und individuelle Indikationsstellung. 


Quelle

[1] Arundel, C.E. et al. (2026) Closed incisional Negative Pressure Wound Therapy versus Standard Surgical Dressing for groin incisions following arterial vascular surgery; a prospective multicentre randomized clinical trial. Journal of Vascular Surgery. Available at: https://doi.org/10.1016/j.jvs.2026.04.017.

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