Wie der Personalmangel die Wundversorgung in Schleswig-Holstein verändert

Wer heute in Schleswig-Holstein chronische Wunden versorgt, arbeitet längst nicht mehr nur medizinisch. Er organisiert, improvisiert, koordiniert und kompensiert. Der klassische Ablauf aus Hausarzt, Pflegedienst und regelmäßiger häuslicher Versorgung gerät zunehmend unter Druck. Besonders deutlich zeigt sich das in der ambulanten Wundversorgung – dort, wo alternde Bevölkerung, Fachkräftemangel und lange Wege unmittelbar aufeinandertreffen.

Schleswig-Holstein ist dafür beinahe ein Brennglas. Das Land hat eine der ältesten Bevölkerungen Deutschlands, viele ländliche Regionen und gleichzeitig einen steigenden Pflegebedarf [1]. Während Kliniken Patienten früher länger stationär betreuten, werden Menschen mit komplexen Wunden heute oft früher entlassen und ambulant weiterbehandelt. Genau dort fehlen jedoch die Fachkräfte.

Chronische Wunden: medizinisch komplex, organisatorisch fragil

Ein strukturelles Problem in Schleswig-Holstein ist die Fläche. Während urbane Zentren wie Kiel, Lübeck oder Flensburg noch vergleichsweise viele Versorgungsangebote haben, wird die Situation in ländlichen Regionen zunehmend fragil. Ambulante Pflegedienste verbringen oft einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit auf der Straße. Touren werden länger, Personal fällt krankheitsbedingt aus, neue Patienten können vielerorts nicht mehr aufgenommen werden. Branchenverbände sprechen inzwischen offen von einer angespannten Versorgungslage [2].

Der Mangel betrifft nicht nur Pflegekräfte

Dabei geht es nicht allein um fehlende Köpfe, sondern auch um fehlende Spezialisierung. Moderne Wundversorgung ist hochkomplex. Eine chronische Wunde entwickelt sich selten linear und verlangt kontinuierliche Neubewertung. Infektionszeichen, Exsudatmanagement, Kompressionstherapie oder Druckentlastung erfordern Erfahrung und spezifische Weiterbildung.

Gerade diese spezialisierten Fachkräfte fehlen jedoch besonders häufig. Viele Einrichtungen suchen gezielt nach ICW-zertifizierten Wundexperten oder spezialisierten Pflegefachkräften – oft monatelang ohne Erfolg. Das Land Schleswig-Holstein bezeichnet den Fachkräftemangel im Gesundheits- und Pflegebereich inzwischen selbst als zentrale Herausforderung für die zukünftige Versorgung [1].

Die Folgen zeigen sich unmittelbar im Alltag. Hausärzte berichten von verzögerten Anschlussversorgungen nach Klinikentlassungen. Pflegekräfte erleben Touren mit immer komplexeren Fällen in immer kürzerer Zeit. Patienten sehen ständig wechselnde Ansprechpartner. Manche ambulanten Dienste übernehmen aufwendige Wundpatienten nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr, weil die Versorgung wirtschaftlich kaum darstellbar ist [3].

Gerade in der Wundversorgung entsteht dadurch ein paradoxer Effekt: Medizinisch wird die Therapie immer besser, organisatorisch wird sie gleichzeitig instabiler.

Neue Versorgungsstrukturen entstehen

Parallel zum Fachkräftemangel entwickelt sich ein neuer Versorgungsmarkt spezialisierter Wundmanagement- und Homecare-Strukturen, die zunehmend koordinierende Aufgaben zwischen Klinik, Praxis und ambulanter Pflege übernehmen.

Diese Strukturen entlasten vielerorts den Versorgungsalltag erheblich. Sie organisieren Materiallogistik, übernehmen Dokumentationsprozesse, schulen Pflegepersonal und koordinieren komplexe Behandlungsabläufe. Gleichzeitig zeigt diese Entwicklung aber auch, dass die klassische Regelversorgung zunehmend an ihre Grenzen kommt.

Die Wundversorgung wird damit schrittweise zentralisiert und spezialisiert – nicht primär aus Innovationsdruck, sondern aus personeller Notwendigkeit.

Auch die Kliniken geraten unter Druck

Der Fachkräftemangel endet nicht an der Klinikgrenze. Wenn stationäre Pflegekapazitäten fehlen, steigen Entlassungsdruck und Ambulantisierung. Berichte über verschobene Operationen oder personell eingeschränkte Stationen haben inzwischen auch Schleswig-Holstein erreicht [4].

Für die Wundversorgung bedeutet das: Patienten kommen früher nach Hause, häufig mit komplexeren Wundsituationen und höherem Koordinationsbedarf.

Besonders problematisch wird dabei die Schnittstelle zwischen Krankenhaus, Hausarzt, ambulanter Pflege und spezialisierter Wundversorgung. Fehlt zusätzlich Personal, werden organisatorische Defizite schnell zu medizinischen Risiken. Verzögerte Verbandwechsel, fehlende Verlaufskontrollen oder nicht angepasste Therapien verschlechtern Heilungsverläufe unmittelbar.

Kein „Pflexit“, sondern strukturelle Überlastung

Trotz aller Probleme wäre es zu einfach, nur von einem Kollaps zu sprechen. Interessanterweise zeigen neuere Erhebungen aus Schleswig-Holstein, dass viele Pflegekräfte dem Beruf langfristig treu bleiben. Laut Fachkräftemonitoring arbeitet etwa die Hälfte der Pflegekräfte seit über 19 Jahren im Beruf [5].

Das eigentliche Problem ist daher weniger ein massenhafter Berufsausstieg als vielmehr eine Kombination aus:

  • steigender Nachfrage,
  • zu wenig Nachwuchs,
  • wachsender Arbeitsverdichtung und
  • regionalen Versorgungsunterschieden.

Gerade die Wundversorgung macht diese Entwicklung sichtbar wie kaum ein anderer Bereich. Sie verbindet chronische Erkrankungen, demografischen Wandel, ambulante Versorgung, Pflegekräftemangel und wirtschaftlichen Druck unmittelbar miteinander.

Schleswig-Holstein sucht nach Lösungen

Die Politik versucht gegenzusteuern. Mit dem „Pakt für Gesundheits- und Pflegeberufe“ (GuP-Pakt) setzt Schleswig-Holstein auf mehr Ausbildungskapazitäten, bessere Fachkräftebindung und schnellere Anerkennung internationaler Abschlüsse [1].

Gleichzeitig gewinnen Digitalisierung und Telemedizin an Bedeutung. Digitale Wunddokumentation, Fotoverlaufskontrollen oder telemedizinische Konsile könnten besonders in ländlichen Regionen helfen, Versorgungslücken teilweise zu schließen.

Doch Technologie allein wird das Kernproblem nicht lösen. Wundversorgung bleibt Beziehungsarbeit. Sie braucht Erfahrung, klinische Beobachtung und Kontinuität. Gerade chronische Wunden zeigen oft erst über Wochen und Monate, ob Therapieentscheidungen wirklich greifen. Diese Kontinuität wird zunehmend zum knappsten Gut.

Die eigentliche Herausforderung liegt vor der Wunde

Schleswig-Holstein steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele Regionen Deutschlands erst noch erreichen werden. Die Frage ist nicht mehr, ob sich die Wundversorgung verändert, sondern wie schnell.

Wahrscheinlich wird die Zukunft stärker von spezialisierten Netzwerken, mobilen Wundteams und zentralisierten Strukturen geprägt sein. Besonders im ländlichen Raum droht eine zunehmende Unterversorgung.

Für Ärzte, Pflegekräfte und Wundexperten bedeutet das vor allem eines: Die eigentliche Herausforderung liegt künftig nicht mehr nur in der Therapie der Wunde selbst, sondern in der Organisation ihrer Versorgung.


Quellen

[1] Schleswig-Holstein.de (2025): Pakt für Gesundheits- und Pflegeberufe (GuP-Pakt). Verfügbar unter: https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/G/gesundheitsberufe/gup_pflegeberufe (Zugriff: 18.05.2026).

[2] Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) (2025): Personalsicherung in der Pflege ist Wohlstandssicherung für das Land. Verfügbar unter: https://www.bpa.de/news-fachinformationen/news/news/personalsicherung-in-der-pflege-ist-wohlstandssicherung-fuer-das-land (Zugriff: 18.05.2026).

[3] Reddit/Pflege (2025): Diskussionen zur wirtschaftlichen Belastung ambulanter Wundversorgung. Verfügbar unter: https://www.reddit.com/r/Pflege/comments/1op8k05 (Zugriff: 18.05.2026).

[4] BILD (2025): Pflegenotstand beim Kanzler-Bruder – Klinik muss OPs verschieben. Verfügbar unter: https://www.bild.de/politik/inland/pflege-notstand-beim-kanzler-bruder-klinik-muss-ops-verschieben-6668632be97e2e2fa5e505ce (Zugriff: 18.05.2026).

[5] bpa Schleswig-Holstein (2025): Kein „Pflexit“ in Schleswig-Holstein: Hälfte der Pflegekräfte bleibt 19 Jahre im Beruf. Verfügbar unter: https://www.bpa.de/news-fachinformationen/news/news/kein-pflexit-in-schleswig-holstein-haelfte-der-pflegekraefte-bleibt-19-jahre-im-beruf (Zugriff: 18.05.2026). 

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