Im klinischen Alltag begegnet man ihnen immer wieder: Wunden, die bereits „vorbehandelt“ wurden – mit Puder, fetthaltigen Salben, Zahnpasta oder pflanzlichen Hausmitteln. Was für Patienten oft logisch oder beruhigend erscheint, stellt Pflegekräfte, Ärzte und Wundexperten vor eine doppelte Herausforderung: Neben der eigentlichen Wunde muss zunächst die iatrogene Kontamination durch unsachgemäße Selbstbehandlung behoben werden.

Doch was genau passiert eigentlich in der Wunde, wenn solche Substanzen eingebracht werden?

Puder: Der unterschätzte Fremdkörper

Puder, insbesondere auf Talkumbasis, entfaltet seine problematische Wirkung primär durch physikalische Eigenschaften. Die feinen Partikel lagern sich in der Wunde ab und verbinden sich mit Wundexsudat zu einer zähflüssigen Masse. Diese kann:

  • Wundspalten und Poren verstopfen
  • den Abfluss von Exsudat behindern
  • einen Sekretstau begünstigen

Zusätzlich sind die Partikel für den Körper nicht abbaubar. Es kann zu Fremdkörperreaktionen kommen, die die Entzündungsphase verlängern. Gleichzeitig entsteht ein feuchtes, schlecht drainiertes Milieu, das mikrobielles Wachstum begünstigt. [1,2]

Fetthaltige Salben: Okklusion mit Nebenwirkungen

Nicht jede Salbe ist per se problematisch – entscheidend ist die Zusammensetzung und Indikation. Klassische, frei verfügbare fetthaltige Salben (z. B. auf Vaselinebasis) wirken stark okklusiv. Sie bilden einen Film über der Wunde, der:

  • den Gasaustausch reduziert
  • Sauerstoffzufuhr ins Gewebe einschränkt
  • den Abfluss von Wundsekret behindert

Gerade bei bereits kontaminierten Wunden kann dies dazu führen, dass Mikroorganismen „eingeschlossen“ werden. Das Risiko für eine lokale Infektion steigt, während gleichzeitig die Beurteilbarkeit der Wunde erschwert wird. [2,3]

Zahnpasta: Chemische und mechanische Gewebeschädigung

Zahnpasta ist ein klassisches Beispiel für gut gemeinte, aber ungeeignete Selbstbehandlung. Die enthaltenen Bestandteile sind für die Anwendung auf Zahnschmelz konzipiert – nicht für offenes Gewebe.

Problematisch sind insbesondere:

  • Schleifkörper (z. B. Silikate), die mechanisch irritierend wirken
  • Tenside, die Zellmembranen schädigen können
  • Zusatzstoffe wie Menthol, die eine lokale Reizung verursachen

Das Ergebnis ist häufig eine verstärkte Entzündungsreaktion, zusätzliche Gewebeschädigung und eine deutliche Verzögerung der Wundheilung. Hinzu kommt, dass Zahnpasta nicht steril ist und somit weitere Keime eingebracht werden können. [3,4]

Kräuter und pflanzliche Hausmittel: Natürlich ≠ sicher

Pflanzliche Substanzen werden häufig als „sanfte Alternative“ wahrgenommen. In der Wundversorgung gilt jedoch: Unkontrollierte Anwendung birgt erhebliche Risiken.

Typische Probleme sind:

  • mikrobielle Kontamination durch Erde, Sporen oder unsaubere Verarbeitung
  • unklare Wirkstoffkonzentrationen
  • mögliche allergische Reaktionen oder Kontaktdermatitiden

Zudem können Pflanzenreste selbst als Fremdkörper wirken und die Wundheilung mechanisch beeinträchtigen. Wichtig ist die Abgrenzung zu standardisierten, medizinisch geprüften Phytotherapeutika – diese unterliegen ganz anderen Qualitäts- und Sicherheitsstandards. [1,4,5]

Patientenedukation: Der unterschätzte Schlüssel zur Wundheilung

Ein zentraler, oft unterschätzter Aspekt in der Versorgung solcher Wunden ist die gezielte Aufklärung des Patienten. Denn die Anwendung ungeeigneter Substanzen erfolgt in der Regel nicht aus Fahrlässigkeit, sondern aus Unsicherheit, tradiertem Wissen oder dem Wunsch, „selbst etwas tun zu können“.

Für die Praxis bedeutet das: Reine Korrektur reicht nicht – entscheidend ist verständliche, alltagsnahe Edukation.

1. Verständnis schaffen statt verbieten

Ein pauschales „Das dürfen Sie nicht machen“ ist selten nachhaltig. Effektiver ist es, kurz und klar zu erklären, warum bestimmte Substanzen problematisch sind, z. B.:
„Diese Salbe verschließt die Wunde so, dass Flüssigkeit und Keime eingeschlossen werden.“
Solche Erklärungen fördern Compliance deutlich stärker als Verbote.

2. Konkrete Handlungsalternativen anbieten

Patienten brauchen einfache, umsetzbare Anleitungen:

  • Was darf ich tun? (z. B. sterile Kompressen, ärztlich empfohlene Produkte)
  • Was lasse ich weg?
  • Wann muss ich reagieren (z. B. bei Rötung, Schmerzen, Fieber)?

Fehlen diese Alternativen, greifen Patienten häufig wieder auf bekannte Hausmittel zurück.

3. Mythen aktiv ansprechen

Typische Aussagen wie „Das hat schon immer geholfen“ oder „Das zieht die Entzündung raus“ sollten aktiv aufgegriffen und fachlich eingeordnet werden. Ziel ist nicht Konfrontation, sondern Korrektur falscher Annahmen durch nachvollziehbare Argumente.

4. Individuelle Faktoren berücksichtigen

Bildungsstand, kultureller Hintergrund und bisherige Erfahrungen beeinflussen das Verhalten erheblich. Edukation muss daran angepasst werden – von einfacher Sprache bis hin zu detaillierter fachlicher Erklärung.

5. Wiederholung und Sicherung des Verständnisses

Ein einmaliges Gespräch reicht selten aus. Kurze Wiederholungen und Rückfragen („Wie werden Sie die Wunde jetzt versorgen?“) helfen, Missverständnisse früh zu erkennen.

6. Dokumentation und Teamkommunikation

Edukationsinhalte sollten dokumentiert und im Team kommuniziert werden, um widersprüchliche Aussagen zu vermeiden und eine konsistente Patientenführung sicherzustellen.

Gut durchgeführte Patientenedukation reduziert nicht nur Fehlanwendungen, sondern trägt maßgeblich zur Therapieadhärenz und damit zum Heilungsverlauf bei – ein Effekt, der im Alltag oft unterschätzt wird.

Kurz gesagt

Allen genannten Substanzen ist gemeinsam, dass sie:

  • nicht steril sind
  • das Wundmilieu unkontrolliert verändern
  • die klinische Beurteilung erschweren
  • und die Heilung verzögern können

Für die Versorgung bedeutet das konkret: Vor jeder weiteren Therapie steht die konsequente Entfernung dieser Stoffe und eine erneute, realistische Wundbeurteilung.

Gleichzeitig zeigt sich hier ein zentraler Ansatzpunkt: Patientenedukation. Denn viele dieser Anwendungen entstehen nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Unsicherheit oder tradiertem Wissen. Aufklärung ist daher ein wesentlicher Bestandteil moderner Wundversorgung.


Quellen

[1] Dissemond J. (Hrsg.). Moderne Wundversorgung: Grundlagen, Praxis, Perspektiven. 2. Auflage. Elsevier, München, 2017.

[2] AWMF-Leitlinie 091-001: Lokaltherapie chronischer Wunden bei Patienten mit den Risiken periphere arterielle Verschlusskrankheit, Diabetes mellitus, chronische venöse Insuffizienz. Stand: 2020.

[3] Kramer A., Assadian O. (Hrsg.). Wallhäußers Praxis der Sterilisation, Desinfektion, Antiseptik und Konservierung. Thieme, Stuttgart, 2016.

[4] European Wound Management Association (EWMA). Position Document: Antimicrobials and Non-healing Wounds. London, 2013.

[5] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Phytotherapie – Risiken und Nutzen pflanzlicher Arzneimittel. Bonn.

 

 

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